Haben Sie schon mal eine Ballkönigin geküsst? Ich meine so richtig,mit Zungenschlag und Augen zu? Ich frage das nur, weil in Hollywood mal ein armer Regisseur, nachdem er reich geworden war, gesagt hat: “Am besten, es fängt mit einem Erdbeben an und steigert sich dann langsam.” Zungenschlag mit einer Ballkönigin kommt einem Erdbeben ziemlich nah. Aber ich glaube, der Mann ist an einem Herzversagen gestorben. Oder war es die Leber? Beides braucht man aber, um eine Liebesgeschichte wie diese zu erzählen. Also werde ich nicht mit einem Erdbeben anfangen, sondern einem Sonnenaufgang. “Allways the Sun” war schon immer eine meiner Lieblingszeilen. Heute hier, in meiner neuen, wie damals dort, in meiner alten Heimat, der Stadt meiner Geburt. Rotgoldwarm steigt sie hinter der Ruine der Dresdner Frauenkirche…

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...in einen wolkenlosen Himmel. Ich nehme es als gutes Zeichen. Schönes Wetter hatte ich mir immer gewünscht für meine erste große Reise. Bis dahin bin ich immer nur im Auto meiner Eltern zu meiner Oma gefahren. Ich stritt oder lachte einfach auf dem Rücksitz mit meiner großen Schwester Andrea und drei Stunden später waren wir da. Aber im Sommer des Jahres 1973 nicht. Da soll ich zum ersten Mal alleine fahren. Ich meine, ganz alleine. Obwohl ich noch keine zehn Jahre alt bin, aber meine Mutter sagte schon immer gerne: “Reisen bildet. Und je eher man damit anfängt, umso besser.” Außerdem geht es ja erstmal nur zu meiner Oma. Die wohnt nicht auf einem anderen Kontinent, nicht mal in einem anderen Land. Sie wohnt in Deutschland, so wie ich damals. Nur etwas mehr in der Mitte, mitten im Grünen, mitten im…

 

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Betreten durfte man das Grenzgebiet nur mit einem Passierschein, Seite 6. Hier einer von meinem Vater

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Weil meine Oma dort wohnte, sah ich schon als kleines Kind den Eisernen Vorhang von ganz nah:

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Die Grenzer:

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mit Hunden…

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..und was Hund und Mensch nicht schafften, übernahm die Selbstschussanlage:

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Abhauen zu wollen ist so eigentlich aussichtslos, aber…

……trotzdem verspreche ich mir an diesem Abend im Sommer 1973 das genaue Gegenteil. Schließlich hat mir meine erste Reise allein auch Spaß gemacht und gelernt habe ich dabei vor allem eins: Dass ich mich auch alleine durchschlagen kann. Also schlürfe ich den letzten Kakao herunter, dann hebe ich die silberne Kelle wie ein Kreuz in die Luft und gebe mir in einem Anfall aus Trotz, Ohnmacht, Wut und Mut das erste Indianerehrenwort meines Lebens:
„Bevor der Eiserne Vorhang irgendwann fällt, bin ich schon auf allen fünf Kontinenten gewesen!“
Ich muss nicht mal lachen dabei. Obwohl es sogar zum Todlachen ist. Ein Blick aus dem Fenster genügt: Wer kommt hier schon lebend raus? Die Schäferhunde scheinen der gleichen Meinung. Hungrig freuen sie sich schon auf mich:
„Wau!!! Wau!!! Wau!!! Wau!!! Wauuu!!!“

Erstmal geht es aber zurück nach Dresden, in die Schule. Die begann für mich 1970, ich bin gerade 7 Jahre. Hier das erste Klassenfoto. Die Fotos anklicken, dann sieht man alles noch besser:

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Schon kurz darauf müssen wir alle Mitglieder der “Jungen Pioniere” werden, so heisst die Kinderorganisation der Kommunisten. Hier trage ich die Pionieruniform. Eine weiße Bluse und ein rotes Halstuch:

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Einmal auf den Ausweis klicken und man kann noch Mal die 11 Gebote lesen:

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Zum Ende des ersten Schuljahres bekommen wir unser erstes Zeugnis, natürlich in Rot…

und hier meine ersten Zensuren samt der ersten Beurteilung….

…drei Jahre später, Seite 11, werde ich 10 Jahre und habe mir gerade das Indianerehrenwort gegeben. So sah ich damals aus..

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Auf einem Klassenausflug in die Sächsische Schweiz spielen wir gerade ein bisschen “Gitarre”, wahrscheinlich ein Song von “The Rubettes”

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die traten damals auch im Ostfernsehen auf. Mehr bekommen wir ja nicht rein in Dresden. Deshalb wird die Stadt, in der ich geboren bin, auch….

…..das „Tal der Ahnungslosen“ genannt. Weil es die einzige Stadt in Deutschland ist, in der es nur das Fernsehen der Kommunisten gibt. Überall sonst können die Menschen auch „Westen“ sehen. Nur wir in Dresden nie. Die Hänge, die links und rechts der Elbe in die Höhe gehen, machen jeden Empfang des Westfernsehens unmöglich……

Schon deshalb sind wir alle fanatische Fußballfans, denn

……..Fußball ist für uns nicht nur die wichtigste Nebensache der Welt, sondern auch die einzige. Die einzige, die uns wirklich mit ihr verbindet. Weil Dresden „DY-NA-MO!!! DY-NA-MO!!!”  hat, die beste Elf der Welt.

*

Ich trage bei jeder Gelegenheit meinen schwarzgelb gestreiften Schal um den Hals. Den hat mir meine Mutter gestrickt und ich habe wirklich allen Grund auf ihn stolz zu sein. Einen „Dynamo-Schal“ kann man nirgendwo kaufen und selbst die Wolle zum Selberstricken ist meistens knapp. Mal gibt es kein Schwarz, mal kein Gelb. Und das in einer Stadt die so fußballverrückt ist, dass ‚DY-NA-MO!!! DY-NA-MO!!!’ dazu gehört wie das Wetter: „Ob es regnet oder schneit, zu Dynamo ist es nie zu weit.“

Gespielt wird im legendären “DY-NA-MO!!!”-Stadion auch der “Hexenkessel der DDR” genannt, berühmt für seine 4 Giraffen…

Sie zeigen den besten Fußball im ganzen Osten. Es gibt sogar ein Wort dafür: den „Dynamokreisel“. Mit dem spielen „wir“ die Gegner jedes Mal schwindlig. So sind wir gerade wieder DDR-Meister geworden und damit wieder spielberechtigt für den Europapokal der Landesmeister. Normalerweise wären wir mit unserer Elf bis ans Ende der Welt gereist, um sie zu unterstützen, sogar zu beschützen, aber so dürfen wir sie bei Auswärtsspielen jenseits des Eisernen Vorhangs nur vor dem Fernseher anfeuern.
In der ersten Runde müssen wir im September 1973 gegen Juventus Turin, den weltbekannten Meister Italiens, antreten. Niemand gibt uns eine Chance, aber wir nutzen sie. Wir schlagen „Juve“ zu Hause mit 2:0 und verlieren in Turin nur knapp mit 2:3. Eine „Sensation“, wie es überall heißt. Danach kommt die Auslosung für die zweite Runde. Mit einem Ergebnis, das noch sensationeller ist: Am 24. Oktober 1973 soll Dynamo gegen die Besten aus dem Westen spielen: Bayern München.
Es ist das erste Mal, das der Meister des Ostens auf den Meister aus dem Westen trifft. Seit der Auslosung ist das Spiel Thema Nr. 1 in der ganzen Stadt. Wo man auch hinkommt, mit wem man auch spricht, es geht um DAS Spiel:
„Wir gegen die Bayern!“
Normalerweise wäre ganz Dresden zum Hinspiel nach München gereist, aber so dürfen es wenigstens die Spieler. Der Rest schaut wieder in die Röhre…

Wer nicht dabei war kann es im Buch lesen. Die Hintergrundgeschichte gibt es hier. Denn Jahre später, als Journalist, habe ich mir die Stasi-Akten über den ersten “Deutsch-Deutschen Fußballgipfel” besorgt und daraus für das Fußballmagazin “11 Freunde” einen Zweiteiler geschrieben: Das Traumduell.

Teil 1 – das Hinspiel

http://www.11freunde.de/geschichtsstunde/105578

Teil 2- das Rückspiel:

http://www.11freunde.de/international/106011

Ein Jahr später, Seite 19, kommt es zum nächsten Deutsch-Deutschen Fußballgipfel. Bei der WM 1974. Zum ersten Mal treffen die beiden Nationalmannschaften aufeinander. Das Westteam wird von einem Dresdner trainiert, Helmut Schön, wer das Buch schon gelesen hat, weiß, dass er ein alter Bekannter von meinem Opa ist….

Als wir ihn am 22. Juni 1974 auf dem Bildschirm sehen, ist mein Opa richtig stolz, den Trainer der „BRD“ persönlich zu kennen. Trotzdem ist er so wie ich und eigentlich alle, die ich kenne, für „uns“. Auch wenn wir nicht ‚“DDR!“ rufen. Ich meine, wir hassen diesen Staat. Aber wir lieben unser Land: Ostdeutschland oder, wie wir Jüngeren am liebsten sagen, die „Zone“. In der sind wir geboren, sie ist unsere Heimat, ob wir wollen oder nicht. Und im Fußball wollen wir. Also drücken wir alle „unseren“ den Daumen an diesem 22. Juni 1974, als es im Westen, dort wo die Elbe endet, zu Teil zwei des „deutsch-deutschen Fußballgipfels“ kommt. In Hamburg treffen die Besten aus dem Westen auf die aus dem Osten Deutschlands. Es ist das erste Mal, dass sich die Nationalmannschaften der „DDR“ und der „BRD“ gegenüber stehen. Von Dynamo sind Siegmar Wätzlich und Hans Jürgen Kreische dabei, von Bayern München Sepp Maier, Ulli Schwarzenbeck, Franz Beckenbauer, Ulli Hoeneß und Gerd Müller. Aber unsterblich wird an diesem Tag ein anderer, im Westen noch völlig Unbekannter: Jürgen Sparwasser vom 1. FC Magdeburg. In der 78. Minute schießt er das Tor seines Lebens.

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..so sind wir nach 90 Minuten die Sieger und der Tag geht in die Fußballgeschichte als das „Wunder von Hamburg“ ein.
In der Schule reden am nächsten Tag sogar die Lehrer über nichts anderes. Ernsthaft hatte damit ja niemand gerechnet. Gegen Beckenbauer und Co zu gewinnen, ist schon, wie Weltmeister zu werden.
Danach ist die Luft bei uns logischerweise raus. Gegen Brasilien haben wir keine Chance, unsere Helden fahren nach der zweiten Runde wieder nach Hause…

Zurück in unsere geliebte Zone also. Dort werde ich gerade 11 Jahre, die Haare wachsen immerhin schon über die Ohren.

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Man beachte die Ost-Jeans, die legendären “Niethosen”. Mein Klassenkamerad Tilo neben mir dagegen hat Verwandte “drüben” und trägt Cord-Jeans aus dem Westen. Mit ihm probiere ich gerade meine erste Pfeife. Auch wenn sie leer ist. Zum rauchen sind wir mit 13 noch zu jung. 1976…

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….fallen mir die Haare aber schon zum ersten Mal auf die Schultern. Weil ich ein bisschen aussehen will, wie der Sänger von “The Sweet”

 

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gerade einer meiner vielen Lieblingsbands. Die kann ich zwar nur ab und zu im Westradio hören, denn…

…wie leben ja im Tal der Ahnungslosen, „gleich hinterm Mond“, wie wir immer noch dazu sagen. Zum Glück gibt es jeden Sonntagnachmittag auf RTL die Hitparade. So bekommen wir wenigstens etwas von der Musik mit, die im freien Teil der Welt die Menschen begeistert. Im Sommer 1976 steht gerade „Boney M“

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auf Platz Eins. Ich mag aber mehr die Songs von ABBA

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oder „Moviestar“ von Harpo

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mehr. Und natürlich Frank Zander: „Ich bin der Ur-Ur-Enkel von Frankenstein“.

Hier die Neu-Fassung, eine andere habe ich nicht gefunden, geht aber auch so ab, wie früher

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Erinnert mich immer an Honecker. Oder jeden anderen aus der Führungsriege der Genossen. Für die sind die Hits aus dem Westen alle Lieder des „Klassenfeindes“…

Schon deshalb hören wir sie gern und so werden selbst wir mit dieser Musik erwachsen. Sogar ganz offiziell, Seite 23

….obwohl ich nie erwachsen werden wollte. Ich meine, bei den Vorbildern? Aber wie immer in einer Diktatur, auch dazu wird man nicht gefragt. Man bekommt es einfach so gesagt. Von unserem Klassenlehrer Herr Beinhoff, einer der wenigen, der den Eindruck hinterlässt, er stünde auf unserer Seite. Aber auch er kann nichts daran ändern:
„Am 16. April 1978 wird es soweit sein. Dann habt ihr eure Jugendweihe und werdet in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen.“

Hier die offizielle Einladung

Welche Schwierigkeiten ich hatte, mich vernünftig anzuziehen, steht auch auf Seite 23. Für meinen letzten Tag als Kind hatte ich mir ja vorgenommen “bloß keinen Schlipps….” Das Ergebnis sieht man hier:

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Und so stehe ich an diesem Tag zum ersten Mal auf einer großen Bühne -Seite 24

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Dort muss ich dieses Gelöbnis aufsagen:

und bekomme dafür:

Danach wird zum ersten Mal anständig gefeiert und am nächsten Morgen Geld gezählt. Ich bin zufrieden, endlich reicht es, um mir diesen Traum zu erfüllen: Eine Karre.  Natürlich ein “Simson S 50″, Seite 27

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Wir nennen es nur “S-Lustig”. Spitzengeschwindigkeit 70 km/h. Es ist keine “Harley” aber wir lieben alle unsere “Karre” und ich bin mit meinen Freunden soetwas wie eine Rockergang…

Bis ich damit auch in die Diskos der Stadt fahre und vom Rocker langsam zum Popper werde. Tanzen kann ich also schon….

…deshalb will ich eigentlich „nein“ sagen, als uns Herr Beinhoff im Herbst 1978 fragt, wer aus der Klasse einen Kurs an der Tanzschule mitmachen will. Obwohl Walzer oder Foxtrott wie Zeittotschlagen im Altersheim klingt, entscheiden sich alle dafür.
Schnell geht es den meisten wie mir. Als ich meine ersten Schritte auf dem abgenutzten Parkett des alten Ballsaals in Dresden-Loschwitz unverletzt überstanden habe, fängt die Sache an, Laune zu machen. Ich meine, man dreht sich unter einem Kronleuchter, hält ein Mädchen im Arm und muss sich zur Abwechslung mal nicht, wie ein „Arbeiter- und Bauernkind“ fühlen. Viel besser geht es nicht im Kommunismus. Daran werde ich wieder erinnert, als uns Herr Beinhoff an das erinnert:
„In diesem Schuljahr müsst ihr euch auch um eine Lehrstelle bewerben.“
Es sei denn, man ist „rot“ genug, um zum Abitur zugelassen zu werden. Dann darf man danach sogar studieren. In unserer Klasse sind es gerade mal zwei, die auf die „EOS“, die „Erweiterte Oberschule“ gehen dürfen. Ich finde das zwar wieder mal ungerecht, aber eigentlich ist es mir egal. Ich meine, studieren in der Zone kommt mir immer so sinnvoll vor, wie der Besuch einer Gefängnisbibliothek. Also werde ich?
Am beliebtesten bei den Jungs ist der „Kfz-Mechaniker“. Da kommt man immer an Ersatzteile ran und kann nebenbei noch was verdienen. Deshalb sind die Lehrstellen dafür nur schwer zu bekommen. Ich versuche es gar nicht erst. Obwohl ich mir denke, das ich damit auch im Westen Geld machen könnte. Dazu müsste ich aber erstmal hinkommen. Möglichst lebend. Als Fußballer hat es nicht geklappt, einer der besten Judokas werde ich wohl auch nicht, aber:
„Vielleicht als Matrose?“
Ich komme darauf, weil im Ostfernsehen gerade die Abendserie „Zur See“ läuft. Also bewerbe ich mich bei der „Handelsflotte der DDR“. Ihre Schiffe fahren auch in die Häfen der freien Welt. Ich brauche nur von Bord gehen und das war’s.
Allerdings nur, wenn sie einen wie mich nehmen.
Ich überlege mir deshalb ganz genau, was ich in den angeforderten Lebenslauf schreibe, meinen ersten nach 15 Jahren DDR
,
 Seite 51

Als ich meinen ersten Lebenslauf zusammen mit den anderen Unterlagen abschicke, hoffe ich, dass ich mich gut genug verkauft habe. Besser jedenfalls als in der Tanzschule. Nach einem halben Jahr kenne ich zwar die meisten Tänze, aber noch immer kaum die Schritte.
Zum Glück gibt es am Ende keine Abschlussprüfung, sondern nur einen Abschlussball.

Er findet Anfang Dezember 1978, Seite 52, statt. Im legendären Dresdner “Park-Hotel” auch “das Hilton” genannt. Ich ziehe meine Klamotten von der Jugendweihe an. Mit einem Unterschied: Diesmal trage ich statt einem Tuch einen Schlips:

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Ich sehe also “schikki” aus, genau richtig zum “Vortanzen”. Aber bevor wir zeigen könne, was wir gelernt haben- Seite 52:

…tanzt erst einmal ein Paar in unserem Alter über das Parkett, das mehr Schritte drauf hat, als wir alle zusammen. Viel mehr sogar. Der Junge sieht schon fast aus wie ein Mann. Für einen Tänzer wirkt er viel zu schwer. Er hat ein breites Kreuz, einen großen Kopf und Hände, die auch einen Elefanten hätten führen können. Ich habe sofort Angst um das schlanke Mädchen, das er in seinen Armen hält. Immer wenn sie in meine Richtung schaut, versuche ich einen Blick von ihr zu bekommen…

 

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..wenn es klappt, zähle ich die Sekunden. Ich habe das Gefühl, dass es jedes mal mehr werden und lasse sie so lange nicht mehr aus den Augen, bis sich das Licht des Saales wie ein Schatten über dem Parkett zurückzieht und ihr Auftritt beendet ist. Ich hoffe noch auf einen letzten Blick, aber sie dreht sich nicht mehr um, als sie mit ihm zu einer Art Bühneneingang läuft und dahinter verschwindet. Mit dem Spaß ist es danach vorbei. In meinem Kopf herrscht plötzlich ein gewaltiges Durcheinander. Meine Gedanken fahren Achterbahn. ich würde am liebsten aussteigen, um in Ruhe darüber nachzudenken, ob ich gerade so etwas wie “Liebe auf den ersten Blick” erlebt habe…

Ich bin zwar gerade erst 15 Jahre, doch in “Sachsen, wo die schönen Mädchen wie an Bäumen wachsen” ist mir das schon öfters mal passiert. Aber mit einer “Ballkönigin”? Die ich noch nicht mal kenne. Nicht mal ihren Namen geschwiege denn ihre Adresse habe ich. Von ihrer Telefonnummer ganz zu schweigen. Im Osten hat niemand eins. Also bleibt mir nur, ihr hinterherzurennen. Ich bin wirklich schwer VERLIEBT. Ein bisschen wie in dem beliebtesten Osthit aus diesen Zeiten:

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Um ihr übers Haar streicheln zu können, muss ich meine Ballkönigin weiter suchen. Am besten dort, wo getanzt wird.

Vorausgesetzt natürlich, man kommt rein in eine der wenigen Diskos in Dresden. Meistens steht man stundenlang davor und nicht selten umsonst.
Der beliebteste Treffpunkt ist das „Volkshaus“, eine alte Villa am Ufer der Elbe in Dresden-Laubegast

Die Diskjockeys, die auf der Bühne des großen Saales stehen, heißen offiziell „Schallplattenunterhalter“. Ich weiß nicht warum, aber die Kommunisten ändern ständig Wörter, die ihn nicht passen. Meine Lieblingskreation ist „Erdmöbel“. So sollen wir einen Sarg nennen. Allerdings hält sich niemand daran. Für uns ist ein Sarg ein Sarg und ein Diskjockey ein Diskjockey. Feierabend!
Der beliebteste nennt sich „Wolles Dynamik Diskothek“. Er erzählte uns mal, dass ihm die Kommunisten die Auflage erteilt haben, nur vierzig Prozent „Westmusik“ an einem Abend zu spielen.
Zum Glück hält er sich nie daran. Seine Kollegen auch nicht. Stattdessen tanzen wir den ganzen Abend z. B. nach

Garry Glitter

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oder Smokie

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Es macht immer Spaß. Man kann durch eine breite Fensterfront beim Tanzen sogar über die Elbe auf das andere Ufer schauen.

Aus dem Osten ist eigentlich nur ein Lied, nach dem wir tanzen.

Die Band heißt „City“, das Lied „Am Fenster“. Der erste Hit, der aus dem Osten kommt.

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Aber solange ich Sie nicht finde, tröste ich mich am liebsten mit? Natürlich Udo, denn…

…..ich bin so ungefähr der größte Udo Lindenberg-Fan der Welt. Schon seitdem ich bei einem Freund zum ersten Mal eine Platte von ihm gehört habe. Die hatte seine Oma von einer Reise in den Westen mitgebracht. Ich habe sie mir danach gleich überspielt. Seitdem sammle ich nach und nach alle Lieder von ihm. Immer wenn irgendjemand mal wieder etwas Neues von ihm geschickt oder mitgebracht bekommt, nehme ich es mit meinem Kassettenrecorder auf. Oder ich schneide es bei RTL mit. So gehört Udo Lindenberg immer dazu…

Mein Lieblingssong zum trösten ist

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Vor lauter VERLIEBTsein verpasse ich in der Schule etwas den Anschluß. So gibt es ein paar kritische Worte von Herr Beinhoff als er mir im Juli 1979,  Seite 68, mein Zeugniss übergibt. Inzwischen ordentlich im “Blauhemd” …

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…der Bluse der “FDJ”, die wir lieber “HJ” für “Honeckerjugend” nennen. Obwohl sie ja vom Genossen Egon “das Pferdegebiss” Krenz angeführt wird. Ich muss noch solange Mitglied bleiben, bis die Schule zu Ende geht. Im Juli 1980….

….Hansi hat sogar einen Sarg gezimmert, Seite 73

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…wir fahren nach unserer allerletzten Stunde damit in die Stadt, auf die Prager Straße…

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…und ersaufen ihn in einem Springbrunnen. Langsam verschwindet die schwarze Schrift “1970 – 1980″. Wenn man meiner Abschlussbeurteilung, Seite 73

 

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...glaubt, zehn verlorene Jahre. Obwohl sie manchmal auch Spaß gemacht haben. Aber nur in den Pausen…

Eigentlich wär jetzt die richtige Zeit einfach mal abzuschalten, Urlaub zu machen und zu geniessen, das man die Schule endlich hinter sich hat. Ich habe es ja inzwischen geschafft und bin mit meiner Ballkönigin Katrin “zusammen”. Ich bringe ihr am Ufer der Elbe sogar das Mopedfahren bei. Das ist Seite 74

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So haben wir beide eine….

Aber schon kurz darauf ist wieder Schluss mit lustig. Denn ich..

…muss jetzt ein „Spani“ werden. So nennen wir den Beruf des „Facharbeiters für Zerspanungstechnik“. Der ist wirklich so ziemlich das Letzte, auf das ich mit 17 Jahren Bock habe, aber wie gesagt, man wird ja nie gefragt. Die Kommunisten hatten entschieden, dass nach der Schule eine Lehre folgt, also habe ich den Lehrvertrag, Seite 76


.…unterschrieben. Darin steht: “Der Lehrling hat die Pflicht, nach hohen Leistungen beim Lernen und Arbeiten zu streben, die Festlegungen zur Gewährleistung von Ordnung, Disziplin und Sicherheit strikt einzuhalten und den Weisungen der Leiter, Lehrkräfte und Erzieher sowie der Lehrfacharbeiter zu folgen. ”

Aber wie gesagt, ein “Spani” zu werden, ist so ziemlich das Letzte auf das ich mit 17 Lust habe. Das wird noch schlimmer, als die Lehre wirklich beginnt. Also melde ich mich kurz danach bei Katrin. Sie ist zu der Zeit ja gerade eine “Hippiebraut” und schämt sich noch ein bisschen für ihren “Popper”, aber…

...nach der zweiten Praxiswoche rufe ich abends Katrin an, um mich auszuheulen. Fünf Tage hintereinander die immergleichen Teile auf das immergleiche Maß zu bringen ist wie Hühnerkacke essen:
„Ich will nicht mehr.“
„Ist es so schlimm?“
„Schlimmer.“
„Oje.“
Dann folgt eine kurze Pause. Und dann sagt sie:
„Vielleicht brauchst du nur mal etwas Abwechslung.“
„Für Abwechslung gibt es in der Zone nicht mal eine Warteliste.“
„Du kennst nur die falschen Leute.“
„Ich kenne nicht die falschen, sondern andere als du. Zu deinen Freunden nimmst du mich ja immer noch nicht mit.“
„Dann mach dich schon mal fertig. Am Wochenende ist wieder „Tanzabend“.“
„Und diesmal darf ich mit?“
„Einmal muss es ja sowieso sein.“
Sie sagt den Namen eines kleinen Nestes am Rande der Stadt. Ich frage irritiert zurück:
„Weixdorf? Das klingt wie Polka und Bratwurst.“
„Lass dich einfach überraschen.“
„Und wann?“
„Samstag.“
„Soll ich dich abholen?“
„Wir treffen uns dort. Falls du mich findest.“

*

Am Samstagnachmittag ziehe ich den Reißverschluss meiner goldenen Jacke bis ganz nach oben, schalte den Scheinwerfer ein und trete den Kickstarter einmal durch. Ich nehme es als ein gutes Zeichen, dass die Karre gleich beim ersten Mal anspringt, obwohl es regnet.
Der Regen scheint die Nacht gleich mitgebracht zu haben. Es ist nasskalt und dunkel, als ich über die „Brücke der Einheit“ fahre und die Straße suche, die nach Dresden-Weixdorf führt.
Ich bin noch nie zuvor dort gewesen. Ich weiß nur, dass es einen „Gasthof zur Linde“ geben soll, in dem eine Veranstaltung stattfindet, die sich offiziell „Tanzabend“ nennt. Ich suche eine Weile, dann frage ich eine ältere Frau. Sie zeigt in die entgegengesetzte Richtung:
„Die ‚Linde’ ist gleich dahinten.“
Ich drehe um und suche mir einen Parkplatz davor.
Als ich dann endlich durch die Tür des alten Gebäudes trete, bleibe ich sofort wie angewurzelt stehen.
Der „Tanzabend“ ist gar keiner, sondern ein Konzert. Eine Band, von der ich noch nie gehört habe, spielt ein Lied von Jimi Hendrix

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Die Band hat sogar so etwas wie eine eigene Lichtshow. Die Strahlen der bunten Scheinwerfer schweben über der bebenden Tanzfläche wie Mikadostäbe.
Unter ihnen drehen sich die Paare beim Tanzen im Kreis als würden sie gleich abheben. Die Jungs tragen alle lange Haare und meistens ausgewaschene Jeans, die Mädchen das Gleiche. Manche springen auch in Kleidern über das Parkett, die aussehen, als hätten sie sie selbst genäht und gefärbt……

…ich lehne mich an eine Wand und frage mich, wo sie herkommen. Ich habe noch niemals zuvor so viele Langhaarige auf einen Haufen gesehen. Höchstens auf einem Foto von „Woodstock“. Es scheint wirklich so etwas wie eine „Hippieszene“ in der Zone zu geben und ich bin plötzlich mitten drin. Ich gehöre zwar noch nicht dazu, ich sehe noch nicht einmal so aus, aber ich ahne an diesem Abend, das würde sich ändern. Der Gedanke, das Leben könnte in Zukunft so abgehen wie im „Gasthof zur Linde“, packt mich wie ein Hoffnungsschimmer.

Ein Mädchen, das aussieht wie Joan Baez

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fragt mich nach Feuer. Sie versteht erst gar nicht, was ich meine, als ich ihr sage, dass ich mit rauchen aufgehört habe. Dann schüttelt sie den Kopf:
„Du stirbst trotzdem.“
„Ich weiß. Aber nicht so schnell.“
„Lieber 80 Jahre mit Zigaretten als 85 ohne.“
„Ich will aber 100 werden.“
„100? Hier?“
„Nicht hier. Obwohl? Wenn ich mich so umschaue? Hier ist immerhin was los.“
Sie lacht:
„Das ist hier immer so.“
Ein Junge mit dicken schwarzen Locken kommt zu uns und reicht ihr eine Zigarette. Und eine Packung Streichhölzer. Sie zündet eins an. Es geht gleich wieder aus.
„Vielleicht nass?“
„Nass?“
Sie zeigt auf die Verpackung der kleinen Schachtel. Am unteren Rand steht „VEB Zündwarenfabrik Riesa“.
„VEB! Verstehst du?“
„Ja. Volkseigener Betrieb.“
„Quatsch: Vorsicht Eins Brennt!“
Ich muss lachen. Diesen Witz über den ganz normalen Zonenalltag kenne ich noch nicht. Dann geht die Musik weiter:
„Geil, Neil Young

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Tanzt du mit mir?“
Obwohl ich Neil Young genauso mag, schüttle ich mit dem Kopf. Ich will erst Katrin finden.

Als ich sie endlich in den Armen habe, ziehe ich sie zur Tanzfläche. Die Band spielt dazu „The End“ von den Doors…

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…aber ich fühle mich mal wieder wie an einem Anfang. Ich meine, erst war ich „Rocker“, dann „Popper“ und jetzt etwa ein „Hippie“? Immerhin würde Katrin mich dann öfters mitnehmen.
Ich fange gleich in der nächsten Woche damit an.

Meine Haare werden wieder länger. So ziehen wir damals rum..

 

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..alles “Langhaarige”, die auf der Straße sofort auffielen…

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..lange Haare, ausgewaschene Jeans, an den Füßen die legendären “Jesuslatschen”, auch “Römer” genannt, und im Mund die legendären

…ohne Filter und mit einem Geschmack, den man nicht beschreiben kann. Außer eben „Karo“. Sie kosten nur 1,60 Mark und sind in der Szene so etwas wie Kult. Ich glaube, manche essen sie sogar.

Es macht also gerade Spaß und im Sommer 1982 ist auch die Lehre zum Glück zu Ende. ich bin ein “Spani” und Katrin?

Ein “Spani” und eine “Tippse”……was für ein schönes Paarichkatwer_kopie

…da kommt eine eigene Wohnung gerade richtig. Obwohl man auch auf eine Wohnung im Kommunismus 10 Jahre und mehr warten muss, aber, Seite 163, gehen wir

….zur Feier des Tages ins „Kügelgenhaus“, ein Restaurant, das zu den wenigen gehört, in denen man mal das Gefühl haben kann, etwas Besonderes zu machen.Es liegt an einer breiten Fußgängerzone, die sie „Straße der Befreiung“ nennen. Am Anfang steht der „Goldene Reiter“, eine vergoldete Statue August des Starken hoch zu Ross, über den der beste Spruch ist: ‚Ach König August steig hernieder und regiere Sachsen endlich wieder.’
Dann müssten wir nicht eine Stunde warten, um einen Tisch für zwei Personen zu bekommen. Er steht vor einer großen Glasscheibe, durch die wir in den Hof schauen können. Er ist wie ein kleiner Garten angelegt. In der Mitte steht ein Springbrunnen, der von unten beleuchtet wird.
Es gibt sogar Kerzen auf dem Tisch und unseren Lieblingswein. Wir bestellen eine Flasche „Rosenthaler Kadarka“ und zweimal unser Lieblingsessen „Steak au four“, ein mit Würzfleisch überbackenes Schweinesteak.
Ich warte, bis wir mit dem Dinner fertig sind. Dann gieße ich unsere Gläser bis oben voll und balanciere Katrin meines entgegen:
„Es gibt noch mehr zu feiern.“
Ich habe es mir aufgehoben, bis klar war, ob ich zur Armee muss oder nicht.
Sie hebt vorsichtig das volle Glas an und sagt:
„Jetzt bin ich aber mal gespannt.“
Ich halte die Spannung noch etwas, dann sage ich:
„Glaubst du mir sowieso nicht.“
„Du willst mich heiraten?“
Damit hätte ich rechnen müssen. Das Thema hatten wir schon öfter. Dabei ist mir heiraten eigentlich so egal, dass ich jederzeit auch ‚ja’ sagen würde. Aber bis dahin? Immerhin habe ich etwas, das sie wieder davon ablenken wird. Da bin ich mir ziemlich sicher:
„Wir haben eine Wohnung.“
„Wir haben eine Wohnung?“
„Wir haben eine Wohnung.“
Sie setzt ihr Glas wieder ab:
„Wir haben eine Wohnung?“
„Wir haben eine Wohnung.“
„Du spinnst.“
Auch auf eine Wohnung muss man im Kommunismus zehn Jahre und mehr warten. Sie fragt mich immer wieder, ob ich keinen Scherz mache. Ich erkläre ihr mindestens dreimal, dass wir einfach Schwein haben:
„Die Wohnung sollte eigentlich meine Schwester bekommen. Mein Vater hat sie ihr irgendwie besorgt. Aber sie will nicht in die Neustadt ziehen.“
Das Viertel auf der anderen Seite der Elbe gehört zu den verkommnesten der Stadt.
„Wir können die Wohnung haben. Wenn wir wollen.“
Ich halte ihr mein Glas zum Anstoßen entgegen:
„Und? Wollen wir?“
Sie schaut mich an als würde sie wirklich überlegen:
„Nur wir zwei?“
„Nur wir zwei.“
„Ob das gut geht?“
„Geht es doch jetzt schon seit vier Jahren. Oder?“
Wir stoßen an wie frisch verliebt, dann haben wir uns entschieden:
„Auf in die Neustadt!“
Zumal viele unserer Freunde dort schon wohnen.

*

Es gibt einige Gegenden in der Stadt, in der die Häuser verrotteten, ohne dass sich die Kommunisten ernsthaft darum kümmern. Sie haben weder Geld noch Material um die Wohnungen, die dringend gebraucht werden, in Stand zu halten und in der Neustadt ist es am schlimmsten. Der Putz fällt überall von den Häuserwänden, die meisten Dächer sind kaputt, nicht selten sind gleich mehrere Häuser hintereinander unbewohnbar. Das ganze Viertel ist eine einzige Bestätigung für „unsere“ Fassung der DDR-Nationalhymne. Statt „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewannt“, singen wir immer: „Aufgewachsen in Ruinen und der Zukunft abgewannt“. Die sieht für uns so aus, wie das ganze Viertel. Einfach deprimierend….

 

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….die Straße sind aus Kopfsteinflaster, mit stinkenden Autos…

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und einsamen Menschen…

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Deshalb kommt mein Freund Ecki auf die Idee, ein Kinderfest zu veranstalten. Heute gilt die “Bunte Republik Neustadt”, auch “BRN” genannt, als “das größte Stadtteilfest Deutschlands”, und so begann es, mit der Mutter aller Straßenfeste in Dresden, Seite 166
 

“Ein Kinderfest?“
Wir staunen ihn an. Er stellt die Flasche Wein, die er mitgebracht hat, auf den Tisch und sagt weiter:
„Kinder gibt es hier genug. Die brauchen auch mal etwas Abwechslung.“
„Und wo?“
Er nickt nur nach draußen.
Vor dem „Hufeisen“ gibt es eine Fläche, auf der in besseren Zeiten noch ein Haus gestanden hat. Sie ist vielleicht halb so groß, wie ein Fußballfeld und im Laufe der Zeit völlig verwildert. Ich frage noch mal nach:
„Darauf machen wir ein Kinderfest?“
„Mit Puppentheater, Eisweitwerfen, Gesichter anmalen und selbstgespielter Musik.“
Nach der Flasche ist die Sache gebongt. Obwohl wir nicht wissen, ob sie uns lassen.
Eigeninitiative ist bei den Kommunisten nicht gefragt. Was gemacht werden darf, bestimmen nur sie und deshalb ist der Drang, selbst etwas auf die Beine zu stellen nach über 30 Jahren roter Diktatur nicht mehr sehr verbreitet unter den Menschen.
Die Frau vom „Wohnbezirksausschuss der Partei“ ist im ersten Augenblick sogar fassungslos über unseren Plan. Nachdem sie sich wieder gefangen hat, sagt sie:
„Ohne staatliche Organe können Sie so etwas nicht veranstalten.“
Nach einer Woche versuchen wir es wieder.
Die Frau ist nicht mehr allein. Zwei Männer, die wir noch nicht kennen, sitzen neben ihr und hören aufmerksam zu. Es gibt nichts Neues. Sie wollen uns die Erlaubnis nicht geben. Wir versuchen sie zu überzeugen, aber es scheint sinnlos. Einer der Männer sagt:
„Außerdem ist es für Kinder dort viel zu gefährlich.“
Wir besorgen uns am nächsten Tag Schaufeln, Rechen, Grassamen und frische Erde. Nach zwei Wochen haben wir es geschafft.
Wir gehen wieder in das Büro mit der schwarz-rot-goldenen DDR-Fahne neben der grünlichen Gummipflanze. Erst klingt ihr „Nein“ wieder wie ein „Nein“, dann wie ein „“Vielleicht“ und dann sagt sie:
„Aber nur wenn Sie auch einen Schießstand aufstellen.“
Wir versprechen auch das. Hauptsache wir haben ihre Erlaubnis. Zufrieden verlassen wir das Büro und kümmern uns um die Vorbereitungen.
Eine Woche später ist alles geschafft und am Sonntag darauf ist es soweit. Es scheint sogar die Sonne. Die Kinder aus der ganzen Gegend springen gutgelaunt und sichtlich zufrieden zwischen den Ständen hin und her. Wir haben sie im Morgengrauen unbeobachtet aufgebaut und dabei alle Auflagen ignoriert…

 

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..sieht zwar etwas wüst aus, aber so war der Wilde Osten…..

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….als am Nachmittag eine Gruppe Genossen zur Kontrolle kommt, stellen wir uns ahnungslos. Auf die Frage nach dem Schießstand, zeigen wir auf ein paar Jungs, die mit einem Tennisball auf Büchsen werfen. Die Genossen schäumen vor Wut, aber um das Fest abzubrechen, ist es längst zu spät.
Irgendwann am späten Abend sitzen wir dann alle auf den Bastmatten in unserer Wohnung, essen aus einer roten Plastikwanne den Schlagschaum, den die Kinder nicht mehr geschafft haben und genießen zur Abwechslung mal das Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben. Dabei kommen wir auf die Idee, im kommenden Sommer mal wieder alle zusammen zu verreisen:
„Wenigstens einmal durch, bis Bulgarien.“
„Falls sie uns lassen.“

Weil diesmal alle ein Visum bekommen, reisen wir den “Südostkanal” durch bis Bulgarien, nach Varna - Seite 177

Auf dem Weg durch die Straßen schauen uns die meisten an, als hätte ihnen jemand Glauben gemacht, Langhaarige seien Missgeburten der Natur…


 

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Meine Haare gehören mittlerweile zu den längsten “Kanten” unter uns. Nicht schlecht mit 19.

Auch wenn es nicht ganz ungefährlich ist, als Langhaariger unterwegs im “KommunistischenLager”:

Ich muss gleich an einen Jungen denken, der mir mal erzählt hat, wie ihm bulgarische Polizisten die Haare einfach abgeschnitten hatten.
Wir wollen die Stadt schnell wieder verlassen:
„Lasst uns gleich nach Primorsko fahren.“
Dem eigentlichen Ziel unserer Reise durch den „Südostkanal“. Es liegt rund 100 Kilometer die Küste runter, Richtung Türkei. Noch weiter südlich können wir nicht kommen. Selbst in Bulgarien werden DDR-Bürger, die in die Nähe des Eisernen Vorhangs geraten, verhaftet. Egal ob sie wirklich abhauen wollen oder nicht. Wir wissen, dass diejenigen, die es trifft, einmal in der Woche in einem Sonderflugzeug der DDR abgeholt und zu Hause wegen „versuchter Republikflucht“ vor Gericht gestellt werden.
Von Primorsko ist es bis an die Grenze zur Türkei aber noch so weit, das wir hoffen, diesbezüglich keinen Ärger zu bekommen. Den Ort haben wir ausgesucht, weil er sich schon bis in die Zone herumgesprochen hatte. Wir lesen auf einem großen Transparent im Zentrum auch warum:
„Primorsko, internationaler Treffpunkt für Jugendliche aus der ganzen Welt“.
In der Mitte des Ortes gibt es einen großen Platz, mit einer Fahnenstange, an der eine Flagge mit Hammer und Sichel anzeigt, woher hier der Wind weht.

Dort streifen wir durch den Ort

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..oder braten Muscheln am Strand, Seite 179

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Bis es nach 4 Wochen “Urlaub” wieder zurück geht, in unsere geliebte Zone. Dort erwartet mich Katrin. Sie war ja nicht mit auf dem großen Trip, denn????? Statt zu weit sind wir ab jetzt, Seite 185, zu dritt. Und das mit 19! Aber im “langweiligsten Land der Welt” ist es ja nichts besonderes, so jung Eltern zu werden. Er wird…

Ein “DDR-Bürger” mehr also:

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Immerhin ein sooooooo Süßer…

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..dem ich hier auf dieser Seite eines der schönsten Kinderlieder aller Zeiten mit auf den Weg gebe. Es ist von Bettina Wegner, einer Liedermacherin, die von den Kommunisten “verboten” wurde. Warum? Einfach mal reinhören….

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..warum steht ja auch im Buch: Menschen die ihren eigenen Weg gehen, ist das Letzte was die Kommunisten wollen. Totale Gleichschaltung ist angesagt. Geistig wie Moralisch.

Das galt für uns und sollte auch für ihn so sein: Unseren “Paul”. Weil Katrin den Namen für ein Mädchen aussuchen durfte, wäre unsere Tochter eine “Josefine” geworden, aber so war es ein Junge und ich hatte mich für “Paul” entschieden. Nach einem Song der Rockband “Pankow”, der zu der Zeit gerade im Radio läuft. Mit ihm gehen wir dann immer in die erste Kommune Dresdens, vielleicht des ganzen Ostens. Bekannt und legendär als das “Hexenhaus”..

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Wir richten sogar einen Proberaum ein. Obwohl wir im Tal der Ahnungslosen nur einen Westsender hören können, schwappt die “Neue Deutsche Welle” 1983 auch nach Dresden. Neben Nena

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hören wir jetzt Ideal

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und natürlich Hubert Kah

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mein Favorit ist damals aber Trio

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und es gibt sogar die ersten Punks in Dresden, sogar die erste Punkband

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So komme natürlich auch ich ins Grübeln. Mein Freund Edgar kommt eines Abends,  zu uns….

…und bringt eine Platte von seiner absoluten Lieblingsband mit zum überspielen. Er ist der größte Motörhead-Fan der Welt. Den Sänger „Lemmy“ würde er am liebsten als Vater haben. Allerdings gibt es schon beim ersten Versuch, sie zu überspielen, Bandsalat. Ich könnte mal wieder wahnsinnig werden. Immerhin kostet eine 60-Minuten-Kassette von „ORWO“, Seite 204

Zwanzig Mark. Wenn man sie bekommt. Außerdem muss Edgar die Platten am nächsten Tag schon wieder weitergeben. Zum Glück funktioniert wenigstens der Plattenspieler. Wir hören sie uns ein paar Mal hintereinander an, bis wir irgendwann Durst bekommen. Es ist kurz nach 21 Uhr. Wir schnappen unsere Jacken, laufen in die “Alaue”…

..wieder zu Hause sind wir in der richtigen Stimmung und Seite 205, ist es dann soweit:

Ich meine, es ist eine schöne Zeit gewesen. Vor allem im Sommer, wenn die Sonne, der Wind, das Wasser und meine langen Haare zusammentreffen. Ich schließe dann immer die Augen und sehe mich in meinem VW-Bus an einem Strand mit Palmen. Ich mag meine langen Haare also. Auch wenn ich beim Kämmen manchmal das Gefühl habe, das mir jemand mit einer spitzen Nadel auf dem Kopf rum sticht. Außerdem sind lange Haare in diesem Staat nicht einfach lange Haare. Seit dem Augenblick, in dem ich sie mir zum ersten Mal hinters Ohr geklemmt habe, durfte ich erfahren, wie Kommunisten mit Menschen umgehen, die anders sind, als sie. Ich glaube, ich habe dabei mehr gelernt, als durch tausend Bücher.Es bricht mir fast das Herz, aber ich habe das Gefühl, es muss mal wieder sein. ‚Veränderungen sind das Salz des Lebens‘, wie ich immer gerne dazu sage. Also: Erst war ich ein Rocker, dann ein Popper, dann ein Hippie und jetzt ein Punk?
Katrin kann es gar nicht fassen, aber als Edgar fertig ist, tausche ich mit ihm den Platz. Gretel bindet meine Haare zu einem Pferdeschwanz und fragt Katrin:
„Willst du ihn selbst abschneiden?“
Sie schüttelt nur entsetzt den Kopf und schaut mich mit ungläubigen Augen an. Ich versuche so nüchtern wie möglich zu klingen:
„Keine Angst. Ein Iro wird es nicht.“

Eher ein “New-Wave” – Schnitt:

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Ich schaue zwar noch nicht so glücklich, auch Katrin ist erst nicht so überzeugt, aber dann gewöhnt sie sich an ihren neuen Mann. Auch Paul hat nichts dagegen, keinen Hippie mehr als Vater zu haben. Also wird die Laune wieder besser. Ich kann uns sogar eines der neusten Wunderdinge aus dem Westen besorgen…..

...an der Verpackung für den Walkmann klebt sogar noch das Preisschild eines West-Berliner Kaufhauses: 19,99 DM. Ich muss dafür 100 Ost-Mark bezahlen. Die fehlen danach zwar in unserer Haushaltskasse, aber trotzdem sind wir glücklich. Es ist unser Erster. Er ist zwar nicht von Sony, aber er geht. Abwechselnd hören wir damit unsere Lieblingslieder aus dem Westen, aber auch dem Osten. „Rockhaus“ zum Beispiel, weil der Sänger eine Stimme hat, die höher ist, als der Mond weg…

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Musikuntermalt laufen wir mit Paul durch die Straßen oder gehen für ihn auf “Nahrungssuche” . Einer glücklichen Familienzukunft steht also nichts mehr im Wege. Aber dann klopft es, Seite 211, Abends an der Tür und der Stasistress ist auf dem Höhepunkt. Danach….

…..geht es in meinem Kopf mal wieder zu, wie in einem Rundkino ohne Ausgang.

Das Ergebnis: Raus hier. Jetzt oder nie! Aber:

„Um raus zu kommen haben wir nur zwei Möglichkeiten. Entweder wir springen zu dritt über die Mauer. Oder?“
„Wir stellen einen Antrag.“
„Genau.“
Ein „Antrag auf Ausreise aus der DDR“ ist unsere einzige Möglichkeit, um lebend aus ihr rauszukommen. Wir wissen es, weil Ende 1983 immer mehr Menschen in der Zone einen „Ausreiseantrag“ bei den zuständigen Stellen der Abteilung Inneres abgeben. Es geht das Gerücht herum, dass die Genossen wieder knapp bei Kasse sind. Sie brauchen dringend „Valuta“ wie sie das Geld des „Klassenfeindes“ am liebsten nennen. Um es zu bekommen, soll Honecker dem Westen versprochen haben, alle aus der Zone rauszulassen, die einen Ausreiseantrag gestellt haben. Ob das stimmt oder nicht, weiß keiner, aber seitdem das Gerücht herumgeht, werden es nicht nur in Dresden immer mehr, die sich die Chance nicht entgehen lassen wollen, noch vor der Rente lebend nach „drüben“ zu kommen.
…..

Obwohl es nicht ungefährlich ist, weil….

.…offiziell noch gilt, was schon immer für die so genannten „Antragsteller“ gilt. Viele verlieren ihre Arbeitsstelle, manche werden auch abgeholt und kommen nie wieder, man weiß vorher nie, was danach passiert. Obwohl auch die Kommunisten der DDR schon 1975 in der Internationalen Schlussakte von Helsinki unterschrieben haben, dass jeder Mensch frei entscheiden kann, wo er leben will, behandeln sie auch 1983 noch jeden, der dieses Menschenrecht wahrnehmen will, als „Verräter“. Bis wir die Zone wirklich verlassen könnten, ist alles möglich.

Siehe oben, im Film “das Tonband”. Bautzen droht jedem, der einen stellt. Aber das droht mir sowieso gerade, also schreibe auch ich einen Ausreiseantrag…

.. als ich im Schein einer Kerze alleine vor Katrins uralter Continental-Schreibmaschine, Seite 217

 

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….sitze und überlege, was ich eigentlich tippen soll. Ich meine, was schreibt man in einen Ausreiseantrag? Allein das es ihn gibt, verstößt gegen jedes Menschenrecht. Wohin ich gehe, fahre, fliege oder nicht, ist ganz alleine meine Sache. Das muss ich weder beantragen noch begründen. Trotzdem versuche ich gerade beides. Weil ich nicht Schreibmaschine schreiben kann, dauert es noch länger. Irgendwann nach Mitternacht kommt Katrin in die Küche und fragt mitleidig:
„Facharbeiterin für Schreibtechnik gesucht?“
Ich schaue erst sie, dann meine tausend Entwürfe an:
„Vorher müsste ich mich erst Mal entscheiden.“
Ich nehme meinen letzten Entwurf zur Hand. Katrin zündet eine neue Kerze an:
„Ich höre.“
Danach ist sie zwar immer noch etwas ängstlich, aber schon eine halbe Stunde später haben wir die letzten Änderungen fertig. Katrin spannt zwei neue Seiten in die „Conti“. Mit einem Bogen Blaupapier in der Mitte. Ich diktiere ihr die endgültige Fassung. Sie ist genau eine Seite lang. Als wir fertig sind, trenne ich das Original vom Durchschlag und halte ihn Katrin entgegen:
„Den hebe ich mir auf. Für immer.“
Falls ich später nicht glauben will, dass ich mich nach 20 Jahren Kommunismus doch noch so beherrschen konnte:

 

 

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Danach geht der Ärger mit den Genossen natürlich erst richtig los. An der Bar des Dresdner “Szeged” gibt mir jemand einen Tipp, Seite 225

…..auch im Szeged ist “Ausreise” das Thema Nummer Eins. Fast jeder hat mittlerweile einen Antrag gestellt. Es heißt nicht mehr: ‚Schön dich zu sehen’, sondern ‚Schön dich noch zu sehen’. An der Bar sagt jemand, er hat von jemandem gehört, dass es sicherer wäre, wenn man seinen Antrag samt seinem Namen und seiner Adresse bei der „Ständigen Vertretung der BRD in der DDR“ registrieren lässt. Die Botschaft des Westens steht im Osten Berlins. Für einen DDR-Bürger eigentlich ein streng verbotenes Territorium, jeder Kontakt mit „Bürgern oder Einrichtungen des kapitalistischen Auslands“ kann bis zu einer Anklage wegen Hochverrates führen. Ich überlege die ganze Zeit auf dem Weg nach Hause, ob sich das Risiko lohnt.
Beim Abendbrot frage ich Katrin. Sie meint das Gleiche wie ich und viele:
„Wenn die drüben erst einmal wissen, dass es uns drei hier gibt, können sie vielleicht nicht alles mit uns machen.“

*

Am nächsten Tag besorge ich mir im Szeged die genaue Adresse und kaufe mir ein Rückticket für einen Zug am nächsten Morgen.
Erst will mich Katrin mit Paul auf den Bahnhof bringen, aber dann gehe ich lieber alleine los. Unterwegs zum “Klassenfeind” kann alles Mögliche passieren.
In der Straßenbahn schaue ich etwas genauer auf die Menschen. Falls ich beobachtet werde, möchte ich es wenigstens wissen. Aber niemand sieht so aus, als wäre er wegen mir unterwegs. Auch im Zug kommt mir nichts verdächtig vor. Als ich in Ost-Berlin aussteige, fühle ich mich jedenfalls weder beobachtet noch verfolgt. Ich frage mich zur S-Bahn durch und eine halbe Stunde später stehe ich vor einem Gebäude nicht weit vom „Berliner Ensemble“ entfernt. Ich sehe noch mal auf meinen Zettel:
„Hannoversche Straße 28-30“
Ich gehe auf die andere Straßenseite. Schon von weiten sehe ich die Volkspolizisten, die den Weg in die Vertretung absperren. Sie kontrollieren jeden, der hinein will. Als sie mich sehen, kommt einer sofort auf mich zu:
„Halt. Stehenbleiben.“
Ich gehorche und warte, was passiert. Er fragt:
„Wo wollen wir denn hin?“
Ich bin mal wieder ehrlich:
„In das Gebäude hinter ihnen.“
„Das ist Ihnen nicht erlaubt.“
Ich ahnte schon so etwas Ähnliches und sage:
„Das verstößt gegen die Schlussakte von Helsinki.“
Er sieht mich an, als hätte ich einen Witz gemacht, den er schon kennt. Ich gebe nicht auf:
„Dort steht: Jeder Staat hat zu gewährleisten, dass ausländische Botschaften jederzeit besucht werden können. Das hat die DDR selbst unterschrieben.“
Noch bevor er mich auslachen kann, gebe ich mir einen Ruck und laufe einfach los. Er versucht mich am Arm festzuhalten, aber umsonst. Nach ein paar Metern betrete ich den Eingang zur „Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der Deutschen Demokratischen Republik“.
Zwei Stunden später nimmt mich draußen sofort der gleiche Volkspolizist am Arm, den ich schon kenne. Diesmal lässt er nicht los. Und ich wehre mich nicht. „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ bringt nur noch mehr Ärger. Also hole ich auch, ohne zu murren, meinen Persi raus. Er notiert sich meine Personalien und gibt ihn mir zurück. Ich denke schon erleichtert, ‚das wars’, da sagt er noch:
„Sie werden in den nächsten Tagen von uns hören.“

…das stimmte, denn kurz darauf klopft es mal wieder an der Tür und ich werde abgeholt, zum Verhör. Hier das Protokoll, Seite 227

Teil 1

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Teil 2

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und Teil 3

verhor123_0003auf meiner Arbeitsstelle feiern wir danach , das mich die Genossen nicht gleich dabehalten haben. So ist die Stimmung in der “Brigade der sozialistischen Hausmeister” mal wieder gut, Seite 230

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….Alk ist ja genügend da. Wie immer auf Arbeit im Osten. Den wollen wir verlassen, möglichst zusammen, wir sind ja inzwischen VERLOBT. Aber dann ist es erst Mal nur für mich soweit, ich werde entlassen, Seite 244

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Die Freude ist aber nur gering, denn Katrin und Paul müssen da bleiben, jeder Widerspruch ist wie immer zwecklos und so beginnen die traurigsten Zeiten des Buches, als ich im…

Teil 2 – der Westen – bis Seite 504

2 Reaktionen zu “”

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  1. Heike Krenz sagt am 4. Oktober 2010 um 15:00:

    Total interressant wenn man die Dokumente sieht, vor allem die Entlassung aus der Staatsbürgerschaft. Ja Du hast Recht, die Täter sind nie bestraft worden, das ist immer noch ein Problem dieser Gesellschaft. Wir haben damals so darauf gehofft das dies passieren wird, aber alle hatten wahrscheinlich zu viel mit der neuen Lebensplanung zu tun und in der Zeit hatten die Wendehälse Zeit sich neue Identitäten zuzulegen. Aber man erkennt Sie heute noch an Ihrem ganzen Wesen, Sie entlarven sich mit Ihren Charakteren selbst! Aber das hilft uns allen nicht wirklich!

  2. Anja sagt am 11. März 2010 um 15:54:

    Hallo Torsten,
    danke für die Untermalung der Geschichte mit Fotos und Originaldokumenten. Hab ja schon geheult als ich das Buch gelesen habe, aber wenn man sich die Dokumente dazu noch anschaut dann entstehen gleich mehrere Eindrücke auf einmal:
    1. ja, verdammt das is ein Teil unseres Lebens gewesen – Hilfe!
    2. der andere Teil des Gehirns meldet das das alles ist aus heutiger Sicht so unglaublich scheint, dass sich Eure Geschichte eigentlich nur auf einem anderen Planeten zugetragen haben kann
    3. Gott sei Dank habt ihr es geschafft und wir haben das alle miteinander hinter uns

    …ja, wirklich schön, dass wir das Alles überstanden haben. Andere hatten nicht das Glück, die waren im Bau oder denen wurden die Kinder wirklich weggenommen. Nicht auf einem anderen Planeten, sondern hier, mitten unter uns. Und die Täter? Wurden nie bestraft. Im Gegenteil, sie sitzen heute völlig unbehelligt im Deutschen Bundestag oder im Fernsehen und erklären uns, dass ihre vielen Verbrechen keine waren. Ohne dass ihnen noch jemand widerspricht. Aber auch deshalb habe ich das Buch ja geschrieben, damit das alles nie mehr vergessen und verklärt werden kann. Weder das Gute, noch das Böse. In diesem Sinne mal wieder Danke für die Anteilnahme und den Zuspruch, top

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