Teil 3 – die Welt

Um die Spannung für jeden Noch-nicht-Leser zu halten, ist der traurigste Teil jetzt schon vorbei und so finden wir am Tag unserer ganz persönlichen Wiedervereinigung den letzten Brief von unserem Rechtsanwalt im Kasten, Seite 507

Im ersten Moment fällt mir nur ein:
„Schade, dass ich das erst jetzt lese. Wenn ich bedenke, wie ich mich auf den Tag gefreut habe, an dem ich diese Nachricht in meinem Briefkasten finde.“
Dann schaue ich noch mal auf das Datum und sage zu Katrin:
„Sie ist vom 27. Oktober. Also vier Tage alt.“
„Dann wusste er das sogar eher als ich.“
„Immerhin. Ich dachte schon, nicht mal das wäre in unserem der Fall.“
„Der ist jetzt erledigt.“
„Das weiß er wahrscheinlich noch nicht. Aber ich finde, wir sollten den Gerlach mal zu einem Bier einladen. Ich glaube, er hat sein Bestes gegeben. Außerdem kann er uns vielleicht erzählen, was die Genossen plötzlich geritten hat.“
„Wenn du meinst. Ich gebe jeden einen aus, der uns geholfen hat. Obwohl ich noch keinen Pfennig habe.“
„Keine Angst, das wird nicht teuer. Viele waren es ja nicht. Aber Scheiß drauf. Darüber machen wir uns später vielleicht noch mal Gedanken, Erst mal gehen wir jetzt?“
„????“
Ich schaue sie von oben bis unten an und sage voller Vorfreude:
„Ins Bett.“

Am nächsten Morgen geht unser gemeinsames Leben neu los, das Ziel aber ist immer noch das gleiche: Raus hier. Am liebsten soweit weg wie möglich, auch wenn es schwer wird…….Das wichtigste dafür haben wir jetzt: Freiheit. Nun müssen wir nur noch etwas daraus machen. Dafür brauchen wir Geld, zum Glück habe ich meinen Job behalten dürfen, also bin ich weiterhin einer der Bühnentechniker an der berühmten Schaubühne

Auch wenn mein linker Fuß eigentlich nicht mehr bühnentauglich ist…


Aber wie immer: “Never give up!” Ich habe ich ja noch mein Indianerehrenwort zu erfüllen. Daran werde ich im Sommer 1987 erinnert, als der amtierende Führer der freien Welt, “Ronni” Reagan anläßlich der 750-Jahr Feier Berlin besucht. Wir können, Seite 518

…dem „40. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika“ dabei live im Fernsehen zusehen. Er steht an einem Rednerpult direkt vor dem Brandenburger Tor und fordert den Führer der unfreien Welt auf, seinen Worten möglichst schnell auch Taten folgen zu lassen:

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Das hat in Deutschland, seit dem sie gebaut wurde, niemand mehr so offen gefordert wie er. Ich muss gleich wieder an mein Indianerehrenwort denken und frage mich, ob das der Anfang vom Ende der Teilung ist? Wenn ja, sollte ich keine Zeit mehr verlieren. Europa und Afrika habe ich schon betreten. Warum als nächstes nicht Amerika? Bevor „Gorbi“ dem Ruf von „Ronni“ folgt?
Katrin hat nichts dagegen:
„Oh ja! Am liebsten nach New York.“

Wie wir das schaffen wird hier nicht verraten, aber schon kurz darauf müssen wir….

…….mal wieder ein Visum beantragen. Nicht um aus West-Berlin raus zu dürfen sondern in Amerika rein…..
…..nach einem Gespräch mit den Beamten der amerikanischen Botschaft warten wir noch mal zehn Minuten dann werden wir an den Schalter gerufen, an dem es die Visa gibt. Wir sind richtig stolz auf unseres und lesen es draußen noch mal um es wirklich zu glauben:
„The United States of America, NONIMIGRANT VISA“
Ich habe die Nummer
035456, Seite 522

Wir packen unsere Schlafsäcke und ein paar Sachen zusammen und am nächsten Morgen ist es soweit. Wir fliegen wirklich nach Amerika, nach New York….eine der ersten Stationen ist natürlich Seite 528

….die „berühmteste New Yorkerin“, wie „Miss Liberty“ auch genannt wird. Die „Freiheitsstatue“

Sie gehört zu den beliebtesten Touristenzielen, so dauert es eine Weile, bis wir nach „Liberty Island“ übersetzen können. Als wir die kleine Insel vor den Toren New Yorks betreten und sie wirklich vor mir steht, fühle ich mich kurz wie damals, vor den Pyramiden, und kann es mal wieder nicht glauben das ich es wirklich bis hierher geschafft habe.

Katrin macht ein Foto von mir

mit Blick auf die Türme des World Trade Centers. Die besuchen wir natürlich auch aber vorher gehen wir noch auf eine Party zu dem uns unser Freund David eingeladen hat, ein Musiker, der gerade seine erste Platte rausgebracht hat…..

Als wir eine Stunde später wieder mitten in Manhattan stehen, brennt in den Wolkenkratzern schon Licht. Wir fragen uns voller Vorfreude in welchen der Lichttürme wir eingeladen sind und finden, das man zu einer „Record Release Party“ mitten in New York eigentlich in einer Limousine fahren sollte. Also leisten wir uns wenigstens ein Taxi.
Als wir wieder aussteigen müssen wir unseren Hals ziemlich verrenken um das Ende des Wolkenkratzers zu sehen.
Wir betreten die Eingangshalle und gehen zum Lift. Drinnen fragt Katrin:
„Welche Etage?“
Ich schaue noch Mal auf den Zettel, auf den David die Adresse geschrieben hat:
„Hier steht eine 45.“
„Wauh. Das klingt ziemlich hoch.“
Sie drückt den Knopf mit der 45 und ab geht der Aufstieg. David hat uns auf die Gästeliste gesetzt, so sind wir guter Dinge als wir oben ankommen. Aber noch bevor wir am Eingang unsere Namen sagen können stellt sich mir ein Typ in den Weg, der so breit ist wie sein Grinsen. Er sieht damit auf meine Hosen und sagt:
„Sorry, but no Entry in Shorts.“
Ich schaue Katrin an und frage:
„Was meint er? In kurzen Hosen komme ich hier nicht rein?“
„Sieht ganz danach aus.“
Ich frage den Typen noch mal:
„No Shorts?“
„No.“
Ich versuche es mit:
„Comone. I‘ts Summertime.“
„No.“
Danach müssen wir uns entscheiden: Entweder auf eine „Record Releaes Party“ im 45. Stock eines Wolkenkratzers mitten in New York zu verzichten oder mir eine lange Hose zu besorgen. Wir entscheiden uns für das Zweite. Was schon deshalb leicht fällt, weil New York 24 Stunden geöffnet hat. Wer an einem Freitagabend eine Hose sucht, der braucht bloß loszugehen. Ich frage den Türsteher wo es die billigsten gibt. Er sagt:
„Wal Mart.“
Wir fahren wieder runter und fragen auf der Straße nach dem Weg. Es sind nur zwei Blocks, dann habe ich die Wahl. Ich entscheide mich für eine Hose ganz in grau, die vom Schnitt her wie eine Anzugshose aussieht. Zusammen mit meinen gelben Stoffturnschuhen und meinem lila T-Shirt findet mich Katrin darin zwar „zum totlachen“, aber mit 15 Dollar ist sie die billigste,
Seite 529

Dem Türsteher ist das egal. Hauptsache sie bedeckt meine Beine. Dabei sind immer noch über 20 Grad in der Stadt. Obwohl es schon kurz nach 22 Uhr ist, als wir endlich auf der Party sind.

Wer mitgehen will, einfach das Buch kaufen. Billiger kann man nicht auf eine Party mitten in New York kommen….

Zumal das Reisen ja noch nicht zu Ende ist. Mein Indianerehrenwort muss ja immer noch erfüllt werden. Auch um endlich einen Platz auf der Welt zu finden, in dem es nicht so zugeht wie im geteilten Deutschland. Daran werden wir schon auf dem Rückflug ins “alte” Europa wieder erinnert:

In Frankfurt wechseln wir in eine „PAN AM“ Maschine und auf dem Weg nach Berlin können wir die rote Ausgeburt samt Todesstreifen, Stacheldraht und Wachtürmen wieder von oben sehen. Dass der Eiserne Vorhang noch steht, überrascht mich nicht. Aber etwas anderes. Ich lese es im Berliner „Tagesspiegel“. Ich zeige es Katrin und sage:
„Ich hätte mir in Amerika noch schnell eine Knarre besorgen sollen.“
Sie liest die Schlagzeile und reagiert genauso entsetzt wie ich:
„Honecker kommt?“
„Nicht vor Gericht, sondern zum „Staatsbesuch“. Nach Bonn. Anfang September. So steht es hier.“
Als wir wieder auf der „Insel im Roten Meer“ landen, kann ich es immer noch nicht glauben. Erst als ein älterer Taxifahrer es uns auf der Fahrt nach Kreuzberg bestätigt. Mit den Worten:
„Ded Schwein jehört einjesperrt. Nich einjeladen.“

Dre Besuch dauert drei Tage…

...ohne das es in Kreuzberg oder sonst wo im Westen Berlins oder Deutschlands zu Demonstrationen oder auch nur öffentlichen Protesten gegen den Kommandanten der Ostdeutschen Baracke des kommunistischen Lagers kommt. Der scheint im Westen des Landes mehr Freunde als Feinde zu haben. Allen voran, einer der bekanntesten Westgenossen. Auch der „Zar von der Saar“ genannt. Weil er dort, wo Honecker geboren wurde, wie einer regiert. Seitdem ist das Saarland die Zone des Westens. Bettelarm und hochverschuldet. Kein Wunder, das sich der Genosse Honecker beim Genossen Lafontaine gleich doppelt zu Hause fühlt. Er wird mit einem Trinkspruch auf „seine Gesundheit“ begrüßt und mit einem Kaffe gemütlich wieder verabschiedet. Nicht ohne Foto. Aufgenommen am 9. September 1987. Darauf sieht man den Genossen Honecker zusammen mit dem Genossen Lafontaine und dem SPD-Führer Niedersachsens, dem Genossen Gerhard Schröder, Seite 535

Den beiden kann man gut ansehen, wie sie sich neben dem Ostdeutschen Diktator fühlen. Sie strahlen, als wäre es der schönste Tag in ihrem Leben. Ich muss gleich wieder an einen alten Spruch aus dem Staatsbürgerkundeunterricht denken: “Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!”
Katrin kennt ihn zwar auch noch, aber sie sagt nur kopfschüttelnd:
“Ist das nicht alles zum kotzen hier?”
Ich gebe ihr Recht, aber:
“Immehin wissen wir jetzt wieder etwas besser, wer auf welcher Seite im geteilten Deutschland steht.”
So träumen wir weiterhin davon eines Tages woanders zu leben…

Also weiter dafür arbeiten, diesmal auf der Probebühne der Schaubühne in Berlin-Kreuzberg

Und Katrin? Inzwischen….

…als „beste Kellnerin Berlins“, wie die Stammgäste sagen im stadtbekannten Cafe Hardenberg, gegenüber der TU-Mens, Seite 536

Schon deshalb ist es immer voll. Was einerseits viel Arbeit, andererseits viel Trinkgeld bringt. Vor allem wenn man nicht nur gut arbeitet, sondern auch gut aussieht. So haben wir zusammen etwa 3500 Mark im Monat. Genug zum Leben. Aber zum Auswandern?

Zwar sieht es weiterhin nicht so aus, als würde der Eiserne Vorhang bald fallen, aber seit “Gorbi” das Kommando im “Kommunistischen Lager” übernommen hat, könnte es immerhin irgendwann passieren. So kommen wir im Sommer 1989 auf die Idee, im Urlaub nach Australien zu fahren. Weil mein Kollege Dietmar in den Theaterferien dorthin will und mich fragt, ob wir mitwollen…..

Ich meine, was für eine Frage! Sie beschäftigt mich den ganzen Weg nach Hause. Als ich dann am Küchentisch sitze und Katrin die gleiche Frage stelle, sagt sie genauso überrascht wie ich:
„Nach Australien?“
„Dann hätte ich den weitesten Kontinent schon hinter mir.“
„Du meinst, dein Indianerehrenwort?“
„Ja, die Gelegenheit ist günstig. Wir haben Zeit und Geld.“
Obwohl? Als wir am nächsten Tag ins Reisebüro gehen ist das nur noch die halbe Wahrheit. Wenn wir so viel Geld wie Zeit hätten würde es reichen, aber so hören wir:
„Zwei Erwachsene und 1 Kind nach Australien? Das macht zusammen 7123 DM.“
Danach wissen wir, das Australien noch eine Weile warten muss. Aber weil mir das sichtlich schwerer fällt als Katrin, sagt sie nach zwei Wochen:
„Diesmal werde ich es überleben.“
Erst kann ich nichts damit anfangen, dann fällt es mir ein:
„Du meinst Bulgarien? Eigentlich wollte ich ja nicht mehr alleine verreisen.“
„Du hast doch Dietmar.“
„Ich meine, ohne Euch.“
„Wie gesagt, wir werden es überleben. Außerdem ist es doch dein großer Traum und du „verlierst ja nicht gern“. War es nicht so?“
„Damals im Volkshaus?“
„Hast du es mir zum ersten Mal gesagt. Heute weiß ich, dass das stimmt. Also, bevor du dich eines Tages ärgern wirst, geben wir dich frei. Darauf hast du doch sowieso gewartet. Stimmts oder habe ich mal wieder Recht?“
Ich schaue sie so verliebt wie beim ersten Mal an und sage erleichtert:
„Wie immer Beides meine Schöne.“
Und zu Dietmar sage ich am nächsten Morgen als Erstes:
„Ich darf mit!“
Er freut sich so wie ich:
„Geil, ich dachte schon ich muss alleine ans Ende der Welt reisen.“

Bevor es losgeht, hole ich mir noch mein Visum

und hier der Einreisestempel

Damit ich Katrin und Paul so viel wie möglich erzählen kann, will ich unterwegs ein Tagebuch schreiben, Seite 542

Es beginnt am 22. Juli 1989. Mit den Zeilen:


Und am 08. August,  Seite 548 ist zu lesen..

Heute Nachmittag sind wir angekommen. Ausgerechnet an meinem 26. Geburtstag stehe….

 

….und liege….


….ich wirklich am „Ende der Welt“, in Cap Tribulation, „The only Place in the World, where the Rainforest meets the Ocean“, dem einzigen Platz der Welt also, an dem der Regenwald direkt ans Meer trifft.

Von dort aus geht es langsam zurück, quer durch das Outback, nach Perth. Dort endet das Tagebuch:

In einem echt australischen „Pub“, in dem schon nach dem ersten Schluck jeder jeden kennt. Auch das wird mir fehlen, wieder zurück, in Deutschland. Also werden wir uns heute Nacht noch mal richtig „die Kante“ mit den Aussies  geben, damit der Abschied nicht ganz so schwer fällt…

Damit höre ich auf und klappe mein Tagebuch zu. Es wird mich daran erinnern, warum Australien auch „The Lucky Country“ genannt wird. Als wir am nächsten Tag mit einer Maschine der „Quantas“ vom „Perth International Airport“ abheben, bin ich fast schon traurig. Diddi geht es genauso:
„Hier sollten wir bleiben. Nicht abhauen.“
Aber dafür haben wir weder Geld noch Zeit. Vielleicht beim nächsten Mal, aber das kann dauern. Erst mal geht es wieder zurück. Das einzige auf was ich mich dort freue, sind Katrin und Paul als wir in Singapur zwischenlanden. Das hatte ich fast vergessen.
Wir müssen sogar in dem Stadtstaat übernachten.

*

Ich bin deswegen nicht böse. Singapur kenne ich noch aus den „Kommissar X“ Heften. Einmal dort zu sein, wünschte ich mir schon damals. Diddi freut sich ähnlich darauf:
„Wer hätte das gedacht? Das man mal in „Singapur“ übernachtet?“
Ich nicke nur zufrieden mit dem Kopf:
„Nicht schlecht für zwei Ostler.“

Wir landen

…am Abend des 23. August 1989, dem Tag, an dem ich nach Europa,  Afrika,  Amerika und Australien auch Asien betreten habe. Das fällt mir aber erst ein, als wir in der Nacht noch auf dem berühmten „Food Markt“ im Herzen Singapurs gehen und mit lauter lächelnden Asiaten Exotische Köstlichkeiten probieren, Seite 554

Danach weiß ich: Ich habe es wirklich geschafft. Das erste Indianerehrenwort meines Lebens ist eingelöst. 16 Jahre, nachdem ich mir im Alter von 10 Jahren vorgenommen habe, „Einmal auf alle 5 Kontinente noch bevor der Eiserne Vorhang fällt“, ist es vollbracht. Dass mir das schon mit 26 gelingen wird, habe ich mit 10 nicht gedacht. Ich bin richtig stolz auf mich. Zumal es wirklich knapp war. Das erfahre ich am nächsten Tag aus dem Radio. In einem Sonderbericht der „BBC“ über die „Botschaftsbesetzungen in Osteuropa“. Das erste, was wir am Morgen des 24. August 1989 hören, ist eine Meldung aus Budapest:
„Die Bürger der DDR, die sich in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Budapest aufhalten, haben heute durch die Ungarische Regierung als „einmalige humanitäre Aktion“ die Ausreiseerlaubnis in den Westen bekommen.“
Auch wenn der Eiserne Vorhang damit noch nicht gefallen ist, hat er sich doch geöffnet. Zum ersten Mal seit dem er steht. Ich freue mich doppelt. Einmal für die über 100 Glücklichen in Budapest und einmal für mich. Viel knapper konnte es nicht kommen. Zum Glück habe ich in meinem Reisepass den Einreisestempel,
Seite 554

SingapurStempel

Erleichtert sage ich zu Dietmar:
„Das glaubt mir sonst kein Mensch.“
Danach plündern wir zur Feier des Tages die Zimmerbar und verpassen beinahe unseren Weiterflug.

*

Als wir am Morgen des 25. August 1989 wieder in Berlin landen, ist in Deutschland nichts mehr wie es war. Eigentlich in ganz Europa. Das “Gespenst des Kommunismus” liegt in seinen letzten Zügen.Obwohl die Mauer noch steht. So viel kann ich schon von oben sehen, den Rest erzählt mir Katrin unten im Taxi:
„Seit die Ungarn die Ersten rüberlassen, wollen immer mehr aus der Zone in die Richtung…

…aus Prag kommt dagegen die Meldung, das auch die tschechischen Genossen „dem Massenansturm der DDR-Bürger nachgeben“ und die 6000 Männer, Frauen und Kinder, die mittlerweile auf dem Gelände der westdeutschen Botschaft in Prag campieren, ungehindert in den Westen reisen lassen wollen. Am Abend sehen wir in der „Tagesschau“, wie der westdeutsche Außenminister Hans Diedrich Genscher es den Flüchtlingen höchstpersönlich mitteilt. Er steht auf dem Balkon der Botschaft, angestrahlt von einem Scheinwerfer blickt er über die Massen im Garten, und sagt: Seite 555

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Es ist einer der bewegensten Momente seit ich Nachrichten schaue.

Unbeirrt vom großen Aufstand im Land lädt Honecker am 07. Oktober 1989 zum Staatsakt “40 Jahre DDR” in seinen Lieblingsbau, den “Palast der Republik”. Dabei ist “Gorbi” und der…

…..hat an diesem Abend für seinen Genossen in Ost-Berlin keinen russischen Trinkspruch zum Jubiläum, sondern eine russische Lebensweisheit:
„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

*

Ich lese den Spruch am nächsten Tag in jeder Zeitung. Weil ich ähnlich denke, finde ich, das jetzt oder nie die Zeit ist, endlich wirklich etwas aus mir und meinem Leben zu machen und entscheide mich am nächsten Tag, meinen Job als „Bühnentechniker“ zu kündigen um ein „Journalist“ zu werden. Die andern lachen mich zwar aus, aber ich bin optimistisch. Durch mein vieles Briefe und Tagebuch schreiben habe ich immerhin schon etwas Übung. Außerdem hatte ich von „Bühnentechnik“ auch keine Ahnung als ich damit angefangen habe. Aufgefallen ist das nie. Deshalb freue ich mich, als mir die „Schaubühne“ am Ende sogar ein Zeugnis ausstellt, Seite 557

Gerade richtig, denn schon kurz danach kommen wir vom Einkaufen, Seite 560

...da klingelt das Telefon. Ich sage:
„Katrin, geh mal ran.“
Dann setze ich die Einkaufstüten ab und folge ihr in unser Wohnzimmer. Ich höre schon nach den ersten Worten, dass sie mit ihrer Schwester spricht. Dann hält sie mir den Hörer entgegen. Ich nehme ihn und sage:
„He, Ines, wie gehts?“
„Hast du den Fernseher an?“
„Ne, ich komme gerade vom Einkaufen.“
„Dann schalt mal ein.“
Ich nehme die Fernbedienung in die Hand und sehe Bilder von einer Pressekonferenz in Ost-Berlin. Ich schaue auf die Uhr. Es ist 18.35 Uhr als wir den Genossen Günter Schabowski im Gespräch mit den versammelten Journalisten sehen. Er ist seit neustem so etwas wie der „Pressesprecher“ der SED und antwortet gerade auf eine Frage über das von den Kommunisten angekündigte „Neue Reisegesetz“. Man kann ihn kaum verstehen, als er mit vielen „ähs“ über „das Bedürfnis der Bevölkerung, zu reisen oder die DDR zu verlassen“ philosophiert, als wäre das etwas Neues. Das kommt erst danach…

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Ich sage danach staunend zu Katrin:
„Heißt das jetzt, die Grenzen sind offen?“
Sie weiß es ebenso wenig wie Ines. Als wir uns verabschieden, sage ich nur:
„Jetzt bin ich ja gespannt.“
Dann drehe ich mich zu Katrin:
„Komm, lass uns zum Checkpoint Charlie fahren. Vielleicht nehmen die Ersten Schabowski ja ernst und versuchen es wirklich „sofort“.“
Obwohl ich noch keine Ahnung habe, was das eigentlich bedeuten soll. Noch wird scharf geschossen mitten in Berlin. Das letzte Mal erst vor 9 Monaten, am 05. Februar wurde ein Ost-Berliner Junge auf dem Weg in den Westen Berlins „gestellt“. Nicht mit einem Sprung ins Genick, sondern einer Kugel mitten ins Herz des gerade erst 20 Jahre jungen Chris Gueffroy. Seinen Namen erfuhren wir aus dem „RIAS“. Dort kommt jetzt die Nachricht, dass es vor den Grenzübergängen im Osten schon die ersten Menschenansammlungen gibt.

*
Als wir am 09. November 1989 gegen 23 Uhr aus dem U-Bahnhof Kochstraße raustreten, sehe ich schon mehr Menschen, als ich zählen kann. Die Meisten sehen aus, wie gerade entlassene Ostler. Ich schaue mich mit Katrin fragend an, dann sehen wir woher sie alle kommen. Als wir an dem Grenzübergang sind, ist der schon Geschichte. Die Mauer ist auf, es lässt sich nicht mehr übersehen. Die Insel im Roten Meer ist geflutet. Von einer Welle der Begeisterung. Sie spült uns die ganze Nacht lang durch die tanzende Stadt bis wir irgendwann wieder in Kreuzberg landen, in der „Milchbar“. Die ist so voll wie die Straßen. Wir drängeln uns zum Tresen und bestellen zwei „Doppelte Gin-Tonic“ zum Anstoßen. Darauf haben wir schließlich unser Leben lang gewartet.

Es gibt sogar den passenden Song dazu

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Ich fühle mich so glücklich wie erleichtert und schreibe vor lauter Begeisterung mit dem Kuli der Kellnerin auf einer Serviette meine erste „Story“, Seite 562

Zu Hause schreibe ich sie noch Mal auf Papier….

…und gehe am nächsten Morgen damit zur Berliner “Tageszeitung”, auch als “TAZ” bekannt, und treffe auf den diensthabenden Redakteur Thomas Kuppinger..

Ich reiche ihm die zwei Blätter. Er nimmt sie und liest. Ich habe keine Ahnung, was er zu meinen ersten Zeilen sagen wird und hoffe nur das Beste, als er meint:
„Gut geschrieben.“
Ich will gerade erleichtert ausatmen als er noch dazu fügt:
„Aber wo sind die O-Töne?“
Ich schaue ihn etwas verwundert an:
„Was sind denn „O-Töne“?“
„Originaltöne. Du musst die Leute doch etwas fragen. Wie es ihnen geht, was sie denken in so einer Nacht.“
„Darauf bin ich gar nicht gekommen. Ich hatte selbst so viel darüber zu sagen als geborener Ostler.“
„Du bist von drüben?“
„Dresden. Hört man das etwa nicht mehr?“
„Jetzt wo du es sagst, schon. Aber das trifft sich. Wir haben niemanden der sich im Osten richtig auskennt. Willst du?“
„Journalist werden?“
„Reporter.“
Ich kenne zwar den Unterschied nicht, aber sage natürlich sofort:
„Was soll ich machen?“
„Im Radio kam, dass die DDR‘ler alle „Begrüßungsgeld“ bekommen. Schreib darüber was.“
Mit „Begrüßungsgeld“ kenne ich mich schon aus, also nicke ich nur mit dem Kopf und frage:
„Hast du einen Stift für mich. Und einen Block oder so was?“
Er gibt mir beides und schickt mich los…..

Es klappt alles und..

…am Morgen des 10. November gehe ich extra mit Katrin und Paul in unseren Zeitungsladen an der Ecke und kaufe gleich drei Exemplare:
„Hier. Für jeden eine.“
Bevor sie zu meiner Geschichte blättert, liest Katrin die Schlagzeile:
Seite 566


Dann schaut sie mich zweifelnd an:
„Warum denn Kohl?“
Ich sage nur:
„Sie sind eben so. Aber scheiß drauf. Hauptsache ich bin mit drin.“

Unter der Überschrift:

Ich zeige ihnen meine Story wie zum Beweis, dass ich ab jetzt wirklich „Journalist“ bin. Oder genauer „Reporter“, der einzige in der Berliner Lokalredaktion, der aus dem Osten ist…..

Der Job macht Spass, bringt aber nicht viel ein. Zum Auswandern reicht das Zeilengeld nicht. Also bewerbe ich mich, nach einem Tipp meines Kollegen “Kotte”, an der renommierten “Deutschen Journalisten Schule” in München. Mit einer Reportage  über die Probleme der Berliner BVG nach dem Mauerfall. Im Buch steht nur der Titel, Seite 569, hier der ganze Text:

Bis ich eine Antwort auf meine Bewerbung bekomme, bin ich weiter als „Taz“-Reporter unterwegs. Dabei bekomme ich einen Tipp, der mich sofort wieder an unsere eigene Geschichte erinnert. Es geht um eine Frau, die meinen „Bettelbrief“ an ihren Chef wahrscheinlich sogar in ihren eigenen Händen gehalten hat. So freut es mich doppelt, als ich nach ein paar Tagen Recherche meine erste „Enthüllungsgeschichte“ schreibe. Sie steht am nächsten Tag in der „Taz“, unter der Überschrift, Seite 570

Kurz darauf bekomme ich die Antwort von der DJS, Seite 572

Ich freue mich natürlich, aber schon kommt der nächste Historische Augenblick, zu dem ich etwas beisteuern soll, weil…

….unsere Ostdeutschen Landsleute am 01. Juli 1990 endlich auch finanziell den Westdeutschen gleichgestellt werden sollen. Zur Feier des Tages fragt mich „Kotte“ vorher, ob mir als Kind der DDR-Mark nicht etwas Passendes zum Thema einfällt. Ich nutze die Chance gleich für einen Härtetest an meiner „Conti“ und schreibe meine Gedanken zur bevorstehenden „Währungsunion“ in „Sächsisch“ auf.
Katrin hat am nächsten Tag ziemliche Schwierigkeiten, als sie in der „Taz“ liest,
Seite 573

Danach geht es ab nach München, als einer von 16, auserwählt aus mehreren Tausenden, bin ich mal wieder ein Schüler..

Zur Ausbildung gehöhrt auch ein Praktikum beim ZDF, das mache ich in Berlin, bei Kennzeichen D. Kurz danach bekomme ich meinen Abschluß, Seite 582

Und melde mich wieder bei “KD” zurück, mit dem Tonband (siehe Anfang). Hier die Presseberichte darüber

So wird mein Einstieg ein voller Erfolg und ich arbeite jetzt als Fernseh-Reporter…

..solange, bis ich wieder Lust auf Schreiben habe und…

.….mal wieder einen Brief schreibe. Obwohl ich darin um Hilfe frage, ist es kein „Bettelbrief“. Ich meine, ich suche keinen Job. Nur etwas „Abwechslung“, wie ich Jürgen Frohner erkläre. Als Direktor der „DJS“ hat er die besten Kontakte, kennt überall Leute, die bei ihm gelernt haben. Den Chefredakteur von „Stern TV“ zum Beispiel, Günter Jauch. Er schreibt ihm einen Brief…

..danach habe ich mal wieder ein Vorstellungsgespräch.
Es findet Ende August 1993 statt. Weil ich gerade wieder einen längeren Beitrag fürs „Kennzeichen“ gemacht habe, kann ich mir sogar einen Flug nach Hamburg leisten. So fällt mir der Abschied am Morgen nicht ganz so schwer. Ich gebe Katrin und Paul einen Kuss und sage:
„Schon heute Abend bin ich wieder da.“
Dafür bete ich noch mal, als die Maschine abhebt und Richtung Norden fliegt……

Statt Fernsehreporter bin ich jetzt ….

….ein „politischer Redakteur“ im Ressort „D 1“ des „größten Magazins Europas“. In dem steht „D 1“ für „Deutschland“ und seine Politik wie Politiker, um die wir uns schwerpunktmäßig kümmern. Dabei fällt mir mal wieder auf, wie wenig sie im Westen über den Osten des Landes wissen. Früher hat er sie nicht interessiert und jetzt, wo er da ist, wissen sie nichts damit anzufangen.

Ganz anders der Anruf, der mich im Frühjahr 1994 an meinem Hamburger Schreibtisch erreicht….

……von einem alten Kollegen aus Berlin. Ein Projekt, die „Chronik der Wende“, soll anlässlich des 5. Jahrestages des Mauerfalls produziert und gesendet werden. Jetzt sucht der „Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg“, kurz „ORB“ genannt, fünf Autoren. Einer soll ich sein.
Ich gehe gleich zu Rolf Schmidt-Holz und kündige. Er schaut mich zweifelnd an:
„Einen Vertrag beim Stern?“
Er würde mich gern behalten, als einzigen Ostler im „D1“, aber ich habe mich mal wieder entschieden. Ich bedanke mich für die Einstellung und Anfang April bin ich wieder zurück in Berlin.

Um mit 6 Kollegen die “Chronik der Wende” zu machen. Die Idee ist…

…..die Bilder jedes einzelnen Tages zwischen dem 07. Oktober 1989, als das große Revolutionieren im Osten Deutschlands begann und dem 18. Dezember 1989, als die letzte „Montagsdemonstration“ in Leipzig stattfand, in 15 Minuten zusammenzufassen und an dem jeweiligen Tag noch mal auszustrahlen. Zum 5. Jubiläum der „Wende“, wie die Ostdeutsche Oktoberrevolution von den Meisten inzwischen nur noch genannt wird.

So fahre ich die nächsten Monate durchs Land. um die Menschen zu dem jeweiligen Ereignis zu befragen…

…..jeder Einzelne, den ich unterwegs treffe, hat seine ganz eigene Geschichte aus dieser Zeit und ist froh, sie endlich mal zu erzählen. Die Besten von ihnen schneiden wir zwischen die Bilder aus den Nachrichten des jeweiligen Tages. Die Jungs und Mädchen, Männer und Frauen sind unsere „Zeitzeugen“, die mit ihren Erinnerungen dazu beitragen sollen, die Geschichten hinter den Schlagzeilen zu erzählen. So wie mein Liebling unter ihnen, Thomas Apel, der im Thüringischen Ilmenau bei der „Wende“ von Anfang an in der ersten Reihe stand. Seite 588

Ich bin richtig stolz darauf, einen „Blinden“ als Zeitzeugen zu haben. Als lebenden Beweis dafür, das man auch ohne etwas zu sehen, den Durchblick behalten kann.

Zur Belohnung lese ich Anfang 1995 beim Frühstück in der „Taz“:

Die Großdokumentation „Chronik der Wende“, die in 73 Folgen die Ereignisse im Herbst 1989 erzählt, wird mit dem Adolf Grimme Preis in Gold ausgezeichnet.“

Ich stoße mit Katrin an….

…Paul kommt dazu und fragt, was es zu feiern gibt. Ich sage nur:
„Dein Babba. Vom Friedhofsgärtner zum Grimmepreisträger. Was für eine Karriere.“

Die geht danach als schreibender Reporter weiter. Mit dem Ergebnis, dass gleich zwei meiner Geschichten aus der “Berliner Zeitung” für den höchsten Zeitungspreis nominiert werden.

Es wird leider nichts. Doppelt Schade, denn somit bekomme ich auch nicht die 25.000 Mark Preisgeld. Das wäre genug, um endlich abzuhauen. Aber so ist es noch nicht ganz soweit, bis ich meine letzte Story schreibe. Für Arno Luik, einen alten Taz-Kollegen,….

….der gerade ein „Geo-Spezial über Berlin“ vorbereitet. Er fragt mich, ob ich etwas beisteuern könnte, aber ich sage nur:
„Tut mir leid, ich haue gerade ab aus dieser Stadt.“
„Ehrlich? Das ist doch prima.“
„Finde ich auch.“
„Ich meine, dann schreibe mir doch einen Text, was dir dabei durch den Kopf geht.“
Ich gebe nach und schreibe meine letzte Geschichte. Neun Jahre nach meiner Ersten, geschrieben in der Nacht, in der die Mauer fiel, verabschiede ich mich doch noch mit einem letzten Blick zurück:

Ich schicke sie ihm per Fax:

Wer sie lesen will, einfach bestellen. Wer es schon gelesen hat, weiß was danach kommt. Das Happy End, in

an den wunderschönen “Norhern Beaches”


sind wir glücklich

VERLIEBT, VERLOBT, VERHEIRATET?

THE END


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