Teil 2 – der Westen

Als ich zum ersten Mal in meiner neuen Heimat die Augen aufschlage, höre ich den Straßenlärm durchs offene Fenster und Stimmen aus der Küche aber ich fühle mich allein. Es liegt niemand neben mir den ich kenne. Bis mir das Foto in meiner Tasche einfällt, Seite 255

Ich stelle es neben das Kopfende meiner Matratze und wünsche uns drein:
“Guten Morgen.”

Ab jetzt geht die Warterei und Bettelei um Hilfe los. Zuständig für alle solche Fälle ist damals das Rechtsanwaltsbüro…

Für alle Familien, denen es damals ähnlich geht gibt es nur die Möglichkeit, sich in der CSSR oder Ungarn zu treffen. Falls die DDR-Grenzer sie raus lassen. Zu unserem ersten Treffen darf nur Katrin alleine kommen, Seite 288,

Hier entsteht auch das Coverfoto:

Ich schon mit Walkmann, es läuft unser absolutes Lieblingslied damals…

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….schön, aber trotzdem ich bin soooooooo sauer, dass ich Paul nicht sehen darf. Und so gehen wir

……..an unserem letzten Abend schon am Nachmittag in unserer Lieblingskneipe und beginnen die Abschiedsfeierlichkeiten mit einer Runde Paprikabrote. Danach bestellen wir alle zusammen zwei Literkrüge Weißwein, von dem wir wissen, dass er mehr Umdrehungen hat, als ein Kettenkarussell. Dazu rauchen wir „Symphonia“ ohne Filter, weil uns der unbeschreibliche Geschmack an „Karo“ erinnert.
Als die Sonne fast verschwunden ist und die ersten Schiffe auf der Donau ihre Beleuchtung einschalten, verspüre ich Erstmalig an diesem Abend so etwas wie Schmerz. Es zerreißt mir fast das Herz. Ich blicke durch den Rauch, der von einem Ventilator an der Decke wellenartig durch den Raum getrieben wird. An den Nachbartischen trinken Männer und Frauen, die wie jeden Tag auf dem Weg nach Hause in der Weinstube versackt sind.
Es ist jetzt gerade sechs Monate her, dass ich die DDR verlassen habe und es ist nicht so, dass ich Heimweh verspüre. Dieser Staat kann mir weiterhin gestohlen bleiben. Erst Recht, seitdem ich gesehen habe, wie es wirklich hinter dem Eisernen Vorhang ist. Aber ich werde fast schon neidisch, als das Gespräch auf das bevorstehende Silvester kommt und sie mir voller Vorfreude erzählen, dass zu ihrer Party ins Hexenhaus halb Dresden kommen wird. Ich denke daran, wo ich Silvester verbringen werde. Ich weiß es noch nicht einmal. Aber die trübe Aussicht, wohl allein zu feiern, verursacht plötzlich eine Bewegung, von der ich nicht weiß, aus welcher Ecke des Gehirns sie gesteuert wird. Meine rechte Hand landet jedenfalls krachend auf der Mitte des Tisches. Die anderen halten vor Schreck ihre Gläser fest und starren mich an.
Ecki hat es irgendwann zwischendurch als Scherz gesagt, aber warum eigentlich nicht?
Das dumpfe Krachen meiner Hand ist gerade verhallt, als ich in die Runde sehe und sage:
„Er hat Recht. Ich komme einfach mit.“
Sie antworten gar nicht erst, sondern lachen gleich. Besonders über das Wort „einfach“.
Ich auch. Gleichzeitig muss ich aber an Paul denken. Dann wären wir Silvester doch noch alle zusammen. Ich sehe Katrin an:
„Wenn ich schon beim Geburtstag nicht dabei war. Weihnachten hat er auch alleine gefeiert, also….“
„…bist du besoffen?“
Sie klingt richtig ärgerlich:
„Oder bloß bescheuert?“
Ich versuche gleich, sie zu beruhigen:
„O. K., O. K. Aber immerhin ist es eine geile Vorstellung.“
Auf dem Weg nach Hause haben wir sie aber fast schon wieder vergessen. Wir laufen durch eine schmale, unbeleuchtete Seitenstraße den funkelnden Lichtern der Elisabethbrücke entgegen und sehen mal wieder ein, dass alles ist, wie es ist, und nicht, wie es sein soll.
Bis ich bei Georg und Iren noch einen alten Straßenatlas finde. Katrin und ich können sowieso nicht schlafen. Wir verkrümeln uns mal wieder in die Ecke hinter der Kochgelegenheit und fahren mit dem Finger von Budapest bis an die Grenze Ungarn-ČSSR.
„Fürs Knödelland könnte ich mir in Budapest ein Visum auf der Tschechen-Botschaft holen. Damit käme ich mit dem Zug immerhin bis da hin.“
Ich tippe mit meinem Finger auf die Grenze der ČSSR zur DDR.
Katrin sieht mich weiter an, als würde ich nur für etwas gute Laune sorgen wollen, in unserer letzten Nacht. Trotzdem fragt sie:
„Und dann?“
„Weiß ich auch nicht. Irgendwo hier über die „grüne Grenze“. So wie Wiebke damals. Nur in die andere Richtung. Nicht raus, sondern wieder rein. Sozusagen, durch die Hintertür.“
Ich fahre mit meinem Finger über den Grenzabschnitt:
„Weit wäre es dann nicht mehr. Vielleicht noch vierzig Kilometer, dann wäre ich wieder in Dresden.“
„Wahnsinn.“
Wir sagen es beide fast gleichzeitig. Dann klappen wir den Atlas wieder zu wie ein altes Märchenbuch, aus dem man sich die Träume für die Nacht geholt hat.
Am nächsten Morgen erinnern mich zunächst die Kopfschmerzen an den Abend davor, dann die anderen beim Frühstück:
„Na, wieder nüchtern?“
„Noch nicht ganz.“
„Kein Wunder. Am Ende warst du so babsch, dass du zurück in die Zone wolltest.“
Dann kommt Georg:
„Kaffee?“
Ich nicke dankbar, nehme einen großen Schluck, verbrenne mir dabei die Zunge und sage, während ich versuche, sie mit meiner Spucke zu kühlen:
„Daran hat sich nichts geändert.“
Sie fragen fast alle gleichzeitig:
„Du willst wirklich mitkommen?“
„Habe ich Katrin versprochen.“
Sie schaut erst mich an, dann die Anderen:
„Glaubt ihm kein Wort.“
Bevor sie mit mir meckert, gebe ich ihr einen Kuss:
„Komm schon, Paul wird sich freuen.“
Dann sage ich zu den Anderen:
„Ich renne jetzt los und besorge mir ein Visum für die ČSSR. Wir treffen uns 13 Uhr am Zug. Nehmt mein Gepäck mit.“
Ich steige in meine weißen Pumas

und zähle mein Geld. Ich habe noch knapp 150 DM in Bar und zwei Euroschecks. Als ich losgehe, habe ich keine Ahnung, ob ich überhaupt ein Visum noch am selben Tag bekommen werde. Ich weiß nur, dass ich ab jetzt eine Menge Glück und noch mehr Schwein brauchen werde……

Es gelingt. Hier die Fotos als Beweis Der Tisch zur Silvesterparty im Hexenhaus war schön gedeckt…

…und mittendrinn wir…

…hier ich sogar als Hobbysänger…

Jahre später habe ich die Geschichte meines “Unternehmens Einreise” für die TAZ als Fortsetzungsgeschichte geschrieben….

Damals hatte ich schon meine Stasi-Akten bekommen. Und dort stand….

…zum Glück haben Sie das erst erfahren, nachdem ich wieder raus war. Glücklich, dass ich nicht erwischt wurde, traurig, dass ich weiterhin alleine bin. So bleiben nur Telefonate – falls sie nicht abgebrochen werden – und Briefe – falls sie ankommen. Dann fangen sie meistens so an

und enden meistens so:

So laufe ich, Seite 316, mal wieder traurig durch Kreuzberg….

.…..über die Oranienstraße. Mit „Depeche Mode“

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im Ohr lass ich mich treiben. Auf einem meiner Spaziergänge fällt mein Blick in ein Gesicht, das ich kenne. Ich nehme die Kopfhörer ab und sage:
„He, Jürgen.“
Er ist ein Bekannter aus Dresden, von dem ich noch in der Neustadt gehört habe, dass er auch „raus“ sei.
Wir gehen gleich in den „Elefanten“ am Heinrichsplatz und trinken wie in alten Zeiten. Ich erzähle ihm dabei, dass ich gerade keine Wohnung habe.
„Na Prima.“
„Prima? Scheiße.“
„Jetzt nicht mehr. Ich suche gerade jemanden, mit dem ich meine teilen kann. Mit drei Zimmern ist sie groß genug für zwei. Du kannst sogar sofort einziehen. Ich haue nämlich ab.“
„Wohin?“
„Ich will mit Jan, einem alten Freund aus Dresden, der inzwischen in Köln lebt, in den Süden trampen. Für mindestens zwei Monate.“
„Wohin soll es denn gehen?“
„Ägypten.“
„Ägypten?“
Mir fällt sofort mein Indianerehrenwort ein:
„Gehört das schon zu Afrika?“
„Ich glaube ja.“
Am nächsten Sonntag 18 Uhr erzähle ich am Telefon Katrin davon. Als ich fertig bin, errät sie meine Gedanken:
„Und jetzt willst du am liebsten mit, stimmts?“
„Naja, sagen wir mal so: Darf ich?“
Als eine Weile keine Antwort kommt, überlege ich mir schon, was ich auf ein „Nein“ antworten würde, da sagt sie:
„Aber nur wenn du mir eine der Pyramiden mitbringst.“
„Sogar alle drei wenn es sein muss.“
„Oh, ja. Für jeden von uns eine.“
„Also bist du nicht traurig?“
„Das habe ich nicht gesagt. Aber ich freue mich für dich.“
„Irgendwann heirate ich dich wirklich.“
„Dann verliebe dich vorher nicht in eine Wüstenfee.“
„Ich stehe doch nur auf „Weihnachtsfeen“, wie du weißt.“
„Aber zwei Monate sind eine lange Zeit.“
„Ich hoffe eher, sie vergehen wie im Flug.“
„Ich denke, ihr wollt tramp …
Dann knackt es schon in der Leitung und Katrin ist weg. Ich versuche es noch ein paar Mal, aber wie immer ist es zwecklos. Dabei wollte ich ihr noch versprechen, so viele Ansichtskarten wie möglich zu schicken.

*

Am nächsten Morgen gehe ich zur Passstelle und erzähle, dass ich meinen eigentlich sofort brauche:
„Ich will nämlich nach Ägypten.“
Die Beamtin sieht mich etwas neidisch an und sagt:
„Kaum raus und schon in die weite Welt.“
„Davon habe ich mein Leben lang geträumt. Jetzt brauche ich nur noch meinen Pass. Mit meinem West-Berliner Personalausweis komme ich ja nicht so weit.“
„Wann soll es denn losgehen?“
„So schnell wie möglich.“
Sie schaut in ihren Computer und sagt:
„Kommen Sie morgen früh zu mir. Und bringen Sie etwas Geld mit.“
Als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlage, schaue ich extra auf den Kalender und freue mich:
„Am 23. Januar 1985 soll es soweit sein. Mit 21 Jahren habe ich es geschafft.“
Aber erst, als ihn mir die Frau wirklich aushändigt, will ich es glauben. Ich halte meinen ersten Reisepass,
Seite 317

…….so fest, als würde ich ihn nie mehr los lassen wollen und sage glücklich zu ihr:
„Im Osten wäre mir das erst mit 65 passiert.“
Sie lacht nur und sagt:
„Herzlichen Glückwunsch.“
Danach gehe ich mein Geld abheben. Ich habe 1800 DM für den Trip zu den Pyramiden. 1300 davon tausche ich noch auf der Sparkasse in „US-Travellerchecks“. Herr Bretag, mein Berater bei der Sparkasse, meint, die sind praktisch:
„Wenn sie gestohlen werden, bekommt man sie ersetzt.“
„Das klingt gut.“
Danach habe ich zwei der drei wichtigsten Dinge zum verreisen in der Hand: Einen Pass. Und Geld. Fehlt nur noch ein Schlafsack. Ich finde ihn in einer langen Reihe voller unterschiedlicher Modelle in der Sportabteilung von „Karstadt“. Ich denke an unsere dicken Ostschlafsäcke aus Baumwolle und nehme mir einen, den ich so klein wie ein Handtuch machen kann……
Am nächsten Morgen treffe ich mich mit Jürgen auf dem Bahnhof Zoo. Erst warte ich, dass sein Freund aus Köln zu uns kommen würde, aber im Zug nach München erzählt er mir, dass Jan nicht so einfach nach West-Berlin kommen kann. Er ist über Rumänien in den Westen geflüchtet. Wenn er im Transit durch die DDR gefahren wäre, hätten die Kommunisten ihn festgenommen. Und vor Gericht gestellt. Witzigerweise wegen „versuchter“ Republikflucht.
Deshalb treffen wir uns alle drei erst nach unserer Ankunft in München. Wir schlafen eine Nacht bei unserem alten Freund „Roger“ aus Dresden und am nächsten Morgen geht es los, zur Autobahn am Rande der Stadt.
….

Fortsetzung hier

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