Hier das Visum für meinen ersten große Trip durch den freien Teil der Welt – nach Ägypten/Afrika
Wie vorgenommen, schreibe ich von unterwegs fleissig Karten. Die erste, Seite 312, aus…
…zweite Station ist die Insel Rohdos, Seite 322...
die dritte Station ist Zypern, Seite 323
die vierte Station Jerusalem, Seite 328…
.…am liebsten sitze ich auf der großen Terrasse des „Hostels“ und genieße das Panorama dieser verrückten Stadt. Hochhäuser, Minarette, Kirchtürme und oben, auf dem heiligen Berg, strahlt in der Abendsonne der Felsendom. Alles friedlich nebeneinander.
Bis am letzten Tag an einem Platz, an dem wir selber schon gestanden haben, eine Bombe explodiert.
Ich finde es Schade, das die schönste Stadt, die ich bis jetzt gesehen habe, sich so von mir verabschiedet. Ich denke über ein besseres Ende nach und gehe noch schnell zur „Klagemauer“, Seite 328
…ich erwarte mir davon zwar nicht die Lösung für alle unsere Probleme, aber ich will Katrin zumindest sagen können, dass ich alles versucht habe.
Gelesen habe ich es in einem der Reiseführer, die an der Rezeption unseres Hostels liegen. Dort stand über die Mauer mitten in Jerusalem: „Einer alten jüdischen Tradition folgend ist das Heiligtum der Juden ein Ort, an dem man seine drei größten Wünsche loswerden kann“.
Als ersten Wunsch schreibe ich auf den kleinen Zettel, den ich am Eingang bekommen habe:
„Katrin und Paul.“
Als zweiten:
„Einen Lottogewinn.“
Ich meine, wäre doch ideal. Wir könnten gleich abhauen, überall hin, wo es schön ist. Allerdings brauchen wir dazu endlich:
„Frieden auf der Welt.“
Als ich meine 3 Wünsche zwischen die Ritzen der Steinblöcke stecken will, muss ich eine Weile suchen. Überall ist schon alles voll, als gäbe es Niemanden mehr, der wunschlos glücklich ist.
Danach gehe ich noch in ein Teehaus und schreibe Katrin eine Karte mit dem Sonnenaufgang über Jerusalem, Seite 328
Danach geht es weiter zum eigentlichen Ziel unserer Reise, nach Kairo, zu den Pyramiden.
Ich setze mich auf die Terrasse eines Touristencafés, bestelle eine Cola und genieße, dass ich wirklich hier bin, im Schatten der weltberühmten Pyramiden. Afrika habe ich damit betreten. Nach Europa der zweite Kontinent auf den ich meinen Fuß gesetzt habe. Fehlen noch 3 um das erste Indianerehrenwort meines Lebens zu erfüllen. Ich wünsche mir, sie so schnell wie möglich zusammen mit Katrin und Paul zu betreten, dann schreibe ich ihnen meine letzte Karte von unterwegs, Seite 338
Dann geht es wieder zurück, ins “alte Europa”. Ich will mich natürlich sofort mit Katrin und Paul treffen. In einem Brief finde ich zwei Fotos, die mich schon ganz seh-süchtig machen….
Also versuchen wir ein Treffen in der CSSR. Als geborenen DDR-Bürger brauchen sie fürs „Knödelland“ keine Visa, aber ich, und…
…so fahre ich von Kreuzberg mit der U-Bahn ca. eine Stunde, bis ich am anderen Ende der Stadt, in Berlin-Grunewald, an der Station „Onkel Toms Hütte“ aussteige und die letzten Meter zu Fuß gehe. Solange bis ich vor einer alten Villa mit der Fahne der ČSSR stehe.
Im „Zimmer für Visa-Anträge“ warten fast nur ehemalige Ostdeutsche. Wie für mich, ist auch für sie, ein „Treffen bei den Tschechen“ oft die einzige Möglichkeit, ihre Freunde oder Verwandte, Bekannte oder eben ihre Liebsten wiederzusehen. Ich fülle einen Antrag aus und gebe ihn, zusammen mit zwei Passbildern von mir, am Schalter ab.
Wie immer für die Kommunisten ist das wichtigste das Geld. 45 Mark West kostet die Ausstellung eines Visums, Seite 345
Dazu kommt noch der Zwangsumtausch:
„Sie müssen 30 DM pro Tag in der ČSSR tauschen. Und Sie müssen sich innerhalb der ersten 24 Stunden anmelden.“
Ich nicke nur mit dem Kopf:
„Ich weiß, ich weiß.“
Danach fahre ich zum Bahnhof Zoo und leiste mir ein Ticket Berlin-Nürnberg-Prag. Getrampt bin ich in den letzten Monaten genug.
Als ich am nächsten Morgen in den Zug steige, bin ich so glücklich wie lange nicht mehr. Keine zwölf Stunden und ich werde Katrin und Paul wieder sehen.
Wer es schon gelesen hat, weiß, wie es ausgeht. Ziemlich beschissen. Obwohl wir doch einen Rechtsanwalt haben. Bei dem beschwere ich mich danach ziemlich heftig am Telefon. Darauf bekomme ich immerhin mal wieder eine Antwort von der Chefin persönlich, Seite 367
Allerdings sind die Worte das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. So wird auch nichts aus unserem geplanten Sommertreffen in Ungar. Ich wollte ja so gerne mit Paul seinen und meinen Geburtstag Anfang August feiern. In einem Brief rät mir Katrin deshalb:
“Vielleicht solltest du einfach wegfahren zu deinem Geburstag. Irgendwohin wo es nicht so beschissen ist wie in Deutschland.”
Ich entscheide mich dafür, auch wenn ich wie immer damals kaum Geld zum verreisen habe. Aber…
…ich nehme mir den „tip“ und schlage die Reiseseiten auf. Flugtickets sind zu teuer, da fällt mein Blick auf eine Kleinanzeige:
„Mitfahrer nach Spanien gesucht.“
Ich habe schon von dieser Art des Reisens gehört. Um Benzinkosten zu sparen nimmt der Fahrer noch ein paar mehr Leute mit. Ich schreibe mir die Nummer daneben auf und rufe zu Hause sofort an:
„Hallo. Ich bin Torsten, ist der Platz nach Spanien noch frei?“
„Wenn du ihn nimmst, nicht mehr.“
„Wann soll es genau losgehen?“
„Nächste Woche.“
„Und wohin in Spanien?“
„Hast du irgendein Ziel?“
„Ich war noch nie dort.“
„Also ist es dir egal?“
„Hauptsache warm.“
„Ist es dort überall.“
„Dann fahre ich eben überall hin.“
Er lacht und sagt:
„Wir treffen uns nächsten Montag, früh 8 Uhr auf dem Parkplatz ‚Drei Linden’, kurz vor dem DDR-Transitübergang. Kennst du den?“
„Ja, ja. Wo immer die Tramper stehen.“
„Genau. Also, bis dahin.“
Ich fahre gleich bis ganz durch, nach Gibraltar…
..zuerst mache ich einen Stadtbummel und suche die berühmten Affen. Die einzig frei lebenden in Europa. Wer sie jemals nach Gibraltar gebracht hat, weiß niemand, aber es geht die Legende, sobald der letzte von ihnen stirbt, geht das Mandat der Engländer über den „Affenfelsen“ zu Ende und Gibraltar wird wieder spanisch. So viel habe ich bis zum Abend dazu gelernt. Weil ich Paul unbedingt aus Gibraltar zum Geburtstag gratulieren will, bleibe ich noch eine weitere Nacht allein am Strand. Am nächsten Morgen, dem 06. August 1985, gehe ich in einen kleinen „Souvenir-Shop“ und kaufe eine Ansichtskarte, Seite 353
Hinten drauf schreibe ich:
Von dort geht es weiter nach Barcelona. Dort gehe ich als Fußballfan natürlich….
.….ins „Camp Nou“. Von außen sieht das legendäre Stadion so imposant aus, wie es im Fernsehen immer rüber kommt. Rein darf man nicht. Es ist gerade Sommerpause. Außerdem sind die Spiele sowieso immer ausverkauft, wie mir ein älterer Aufpasser verständlich zu machen versucht. Ich nehme mir trotzdem vor, eines Tages mal mit Paul zu einem Spiel in die gewaltige Schüssel zu gehen. Erst mal schreibe ich ihm und Katrin meine letzte Ansichtskarte von unterwegs, Seite 383
Wieder zurück habe ich noch mehr “Sehsucht” nach meinen zwei Lieben. Katrin auch, und so versuchen wir wieder mal ein Versuch, bei den Tschechen. Es klappt. Zwar nur weil Katrin etwas trickst, aber so können wir uns wiedersehen, in Decin, nicht weit weg von der Grenze, im Bahnhofshotel…
...die Durchsagen gehen die ganze Nacht, aber mir ist das egal. Ich kann sowieso nicht schlafen. Ich spiele solange mit Paul, bis er auf der Couch eingeschlafen ist, dann mit Katrin im Doppelbett bis es Morgen wird. Am liebsten würden wir alle zusammen im Bett frühstücken, aber es gibt keinen Zimmerservice. Draußen nehme ich Paul auf die Schultern. Wir laufen in die Stadt und kaufen uns im Supermarkt wie früher ein paar Brötchen und eine Flasche Milch zum Frühstück.Danach gehen wir zu einem stillgelegten Springbrunnen mitten in der Stadt, Seite 391
…ich spiele abwechselnd mit Paul „Verstecker” und „Fangen“…
Gegen Mittag suchen wir einen Laden, in dem es meine geliebte „süße Milch in Tuben“ gibt..

Von der in Schokolade kaufe ich mir gleich 10 Stück. Sie schmeckt ein bisschen wie flüssige Nutella. Die erste esse ich schon auf der Straße. Zusammen mit Paul:
„Siehst du Katrin. Er liebt sie auch.“
So wie soviele damals. Einfach lecker. Aber dann ist es schon wieder soweit. Nach zwei wunderschönen Tagen gebe ich Paul wieder einen letzten Kuss
..dann nehmen wir drei uns zum letzten Mal so in die Arme, als würden wir uns nie wieder los lassen wollen und sagen uns gegenseitig:
„Nicht weinen.“
Dann heulen wir los. Ich zähle jede einzelne Träne wie einen Schlag in mein Gesicht und schwöre mal wieder grenzenlose Rache. Dann löse ich mich als Erster und versuche das ganze etwas aufzulockern:
„Also los, euer Ausgang ist beendet. Schert euch wieder rein.“
Katrin setzt Paul in den Kinderwagen, dann läuft sie wirklich los. Mit jedem Meter den sich die Beiden von mir entfernen frage ich mich mal wieder welche unsichtbare Kraft bloß so stark ist, mich davon abzuhalten ihnen einfach hinter her zugehen um niemals mehr von ihrer Seite zu weichen. Ich finde mal wieder keine Antwort darauf, aber als sich der Schlagbaum hinter ihnen senkt, glaube ich, es ist die Vernunft. Nicht ich muss wieder rein, sondern sie müssen endlich raus aus diesem ganzen Irrsinn.
Wieder zurück in Berlin-Kreuzberg muss ich mal wieder umziehen, diesmal in die Skalitzer Straße, in eine….
….echte „Ostler-WG“. Ich kenne sie alle aus dem Café „Herb“. Sie empfangen uns schon zehn Minuten später an der Tür zu unserem neuen zu Hause: Skalitzerstraße 39, in der ersten Etage, direkt gegenüber der U-Bahnstation „Görlitzer Bahnhof“. Weil die U-Bahn durch Kreuzberg auf Stelzen fährt, kann man durch die Fenster in die Gesichter der Menschen auf dem Bahnsteig sehen.
Mattcher hat seine Matraze auf die Seite gelegt, auf der er vom Bahnsteig aus nicht gesehen werden kann. Also schlafe ich gegenüber, neben dem kleinen Kachelofen, Seite 397
Weil in unserem Zimmer der Fernseher steht, kann ich sogar vom Bett aus Glotze schauen. Obwohl wir meistens alle zusammen um den großen schweren Esstisch sitzen…
Dorthin bekomme ich dann einen Brief, der mich mal wieder fast verzweifeln lässt. Katrin hat ganz schlechte Antworten von der “Abteilung Inneres” bekommen. Also…
…entscheide ich mich, mir noch einen zweiten Rechtsanwalt zu suchen. Und welchen? Natürlich den bekanntesten. Er ist sogar öfters mal im Westfernsehen zu sehen, als „Vermittler“ zwischen Ost und West. Ich hatte schon in der Zone von ihm gehört. Wenn die Kommunisten mal wieder eine Busladung Gefangene an den Westen verkaufen, fährt er immer vorne weg. In einem goldfarbenen Mercedes wie sich die erinnern, die vom Westen „freigekauft“ werden. In die Schlagzeilen ist er aber erst, seitdem er auch noch den „Agentenaustausch“ zwischen Ost und West managt. Obwohl ich nicht wirklich glaube, dass sich der berühmte Anwalt ausgerechnet unseres Falles annehmen wird, versuche ich es doch:
Hier der Anfang des Entwurfs, Seite 403
Es dauert ein Weile, aber dann, Seite 410, ist die Antwort im Briefkasten.
Ich trage sie voller Vorfreude nach oben und öffne sie wie eine Erlösung:
Danach sage ich:
„Gemeinsam haben wir uns von Anfang an bemüht und zu „Inneres“ geht Katrin jeden Dienstag hin du Arschloch!“
Mehr fällt mir im ersten Moment der Enttäuschung nicht ein. Erst als Mattcher aus der Küche kommt, sage ich noch:
„Was für eine Frechheit.“
Ich meine, Erstens haben wir die Genossen sogar gebettelt, uns zusammen raus zu lassen und Zweitens, noch viel wahrer, müssen wir uns um gar nichts kümmern, sondern einfach reisen wohin wir wollen. So wie der Herr Vogel. In seinem goldenen Mercedes in sein Haus in den Schweizer Alpen. Gekauft vom Blutgeld des florierendsten Menschenhandels aller Zeiten. Über den bekomme ich einen kleinen Einblick bei meinem nächsten Termin auf dem Kudamm. Menschen sind das Einzige, was die Kommunisten erfolgreich exportieren. Und Herr Vogel ist mittendrin. So ist Herr Gerlach nicht überrascht, dass der Staranwalt für kleine Lichter wie uns keine Zeit hat. An uns gibt es nichts zu verdienen. Weder für ihn noch für die, für die er arbeitet. Obwohl die Genossen Menschenhändler für jeden „Übersiedler“ ein Kopfgeld bekommen, wie ich kopfschüttelnd erfahre.
„Die Höhe richtet sich nach der Ausbildung die jemand in der DDR abgeschlossen hat.“
Ein „Spani“ und eine „Sekretärin“ bringen den Kommunisten immerhin ca. 100.000 Westmark. Ich sage:
„Dann ist also doch noch Hoffnung?“
Er schaut noch mal in meine Akte, dann sagt er:
„Nachdem der Antrag auf Eheschließung endgültig abgelehnt wurde, bleibt jetzt nur noch ein Antrag auf ‚Familienzusammenführung’. Durch Ihr gemeinsames Kind sind Sie dazu berechtigt. Außerdem sind Sie ja schon verlobt.“
Genau, erst VERLIEBT, dann VERLOBT und dann….
Erstmal ziehe ich wieder Mal um. Ich hoffe ja weiter jeden Tag, dass Katrin und Paul schon Morgen kommen. Es ist nicht einfach, aber dann habe ich meine erste eigene Wohnung im Westen. Dort feiere ich Silvester 85/86 alleine. Das macht mich wieder so traurig, dass ich fast verzweifle. Zur Ablenkung…..
….gehe ich jeden Nachmittag ins „Café am Ufer“ Zeitungen lesen. Am liebsten würde ich in ihnen etwas Neues aus meiner alten Heimat erfahren, aber der Osten Deutschlands, Europas, der ganzen Welt spielt im Westen längst nur noch am Rande eine Rolle. Ende Januar überrascht mich die Wochenzeitung „Die Zeit“ aber mit einem Interview. Das erste, das Honecker einer „Westzeitung“ gewährt hat. Es ist der Aufmacher der Ausgabe vom 31. Januar 1986, Seite 419
..ich freue mich schon, endlich mal zu erfahren, wie der Genosse Honecker dazu kommt, 17 Millionen Menschen bei lebendigem Leib einzumauern und auf der Flucht zu erschießen, aber stattdessen fragen die Journalisten aus Hamburg ihn lieber wie es um die „Entspannung zwischen den beiden deutschen Staaten steht.“
Danach bin ich mal wieder so erregt, das ich den Entschluss fasse, Honecker persönlich an die Realitäten in Deutschland zu erinnern.
Ich setze mich zu Hause an meinen Schreibtisch und keine zehn Entwürfe später, Seite 419…..
Hier der Anfang des letzten…
Hier die Bestätigung, dass mein Bettelbrief dort angekommen ist, Seite 423
Eine Antwort erhalte ich nicht, also geht die Bettelei weiter…
Auch wenn ich nicht wirklich weiß, was ich noch machen könnte um Katrin und Paul endlich zu befreien. Ich frage ein paar Ostler, die ähnliche Probleme haben wie ich, an wen ich mich noch wenden könnte. Jemand gibt mir den Rat, es „über die Kirche“ zu versuchen. Sie hat im deutsch-deutschen Menschenhandel so etwas wie eine „Vermittlerrolle“.
Ich komme mir zwar wieder vor, wie ein Bettler, aber vielleicht habe ich so wenigstens wieder mal einen heißen Draht zum lieben Gott. Wo ich doch schon an seinem Grab für mich und meine Familie gebetet habe. Also setze ich mich wieder an meinen Schreibtisch und verfasse einen Brief an den „Präses der Evangelischen Kirche Deutschlands“, und „Bundestagsabgeordneten der SPD“, Dr. Jürgen Schmude.
Hier wieder der Anfang des Entwurfs, Seite 423
Es dauert nicht lange….
..als ich eine Antwort aus dem fernen Bonn im Kasten finde…Seite 425
Das war es dann aber auch. Mehr kommt nicht. Also entscheide ich…
…..mich Anfang April persönlich bei meinem Draht zum lieben Gott zu melden. Obwohl es nicht so einfach ist, bis zu einem „Abgeordneten des Deutschen Volkes“ vorzudringen, aber als ich Herrn Schmude wirklich am Telefon habe, will ich sofort wissen, ob es etwas Neues, Hoffnungsvolles gibt. Die Antwort:
„Nein. Ich habe bis jetzt noch nichts Positives von der anderen Seite gehört.“
„Schei…, ich meine Schade. Ich hatte so darauf gehofft.“
„Ich sagte ja, Sie dürfen meine Möglichkeiten nicht überschätzen.“
„Sie haben immerhin mehr als ich um mit diesen Leuten zu verhandeln. Lange halte ich das nicht mehr aus.“
„1½ Jahre sind doch noch nicht so lange.“
„Bitte?“
„Es gibt Fälle, da dauert es schon viel länger.“
„Ich weiß. Und jeder einzelne tut mir leid. Aber nicht weh. Nicht so, wie mein eigener Fall.“
„Das hätten Sie sich schon vorher überlegen müssen.“
„Das haben wir gemacht. Aber die Alternative wäre irgendwann Gefängnis gewesen.“
„Jetzt müssen Sie sich eben gedulden.“
„Gedulden? Das mache ich seit 1½ Jahren. Können Sie sich das überhaupt vorstellen?“
„Es tut mir wirklich leid, aber meine Zeit ist sehr begrenzt. Ich kann mich nur ab und zu um solche Dinge kümmern.“
„Ab und zu ist mir nicht genug. Sorry, aber vergessen Sie es.“
Dann lege ich enttäuscht auf und frage mich, ob ich vielleicht überreagiert habe? Bis ich kurz darauf doch noch mal etwas von ihm höre. Wieder etwas optimistischer öffne ich seinen Brief und lese, Seite 428
Ich lese noch mal das Wort „Geduld“ und denke, ‚das ist doch mal wieder ganz etwas Neues’. Danach schreibe ich nie wieder einem Genossen. Aber zum ersten Mal einen Brief an eines ihrer größten Feindbilder. Obwohl die Ostgenossen der SED ihn nur öffentlich zum „Imperialisten!“, „Faschisten!“ oder „Kriegstreiber!“ erklären. Im Stillen ist er ihr liebster Freund jenseits des Eisernen Vorhang. Weil er im Unterschied zu den Westgenossen der SPD Geld hat. Oder besser, welches besorgen kann, um der SED die Menschen abzukaufen. Mit seinen Milliarden ging ja auch unser „Unternehmen Ausreise“ los. Also kann es auch so enden. Wir müssen nur auf seine „Listen“ kommen, die es seit dem großen Westgeldsegen von 1984 geben soll. So geht zumindest das Gerücht unter den Ostlern im Westen. Also schreibe ich den nächsten Bettelbrief, den ersten an einen „Schwarzen“ statt „Roten“. Obwohl er wohl auch Bayernfan ist. Wie ich, wenn ich „Bundesliga“ statt „Oberliga“ schaue. Also fällt mir die Bettelei diesmal nicht ganz so schwer, Seite 428
Hier wieder der Anfang des Entwurfs
Eine Woche später
…finde ich einen Brief aus Bayern in meinem Briefkasten. Mein Herz schlägt gleich doppelt stark, als ich ihn am Küchentisch lese, Seite 439
Zum ersten Mal habe ich etwas Hoffnung, zumal es auch gute Nachrichten von Katrin gibt. Sie und Paul haben ein Visum bekommen, wir können uns im Sommer in Ungarn treffen: Paul freut sich schon
Auch wenn sie nicht mit dem Zug, sondern dem Flugzeug kommen, der legendären “IL-18″, Seite 449
Ich sprinte gleich die Treppe hinunter und postiere mich in der Mitte der Ankunftshalle, so dass ich die Ausgänge sehen kann. Immer wenn eine der Schwingtüren auf geht, stockt mein Herz. Solange bis ich die ersten Zweifel in mir fühle. Noch nicht so, dass sie mich zum Massenmörder machen, aber ich spüre, dass es so weit kommen würde. Lange darf es jedenfalls nicht mehr dauern. Als es immer weniger Passagiere werden, die mir entgegenkommen, nehme ich mir vor, noch ganze fünf Minuten zu warten. Nach drei Minuten hole ich schon mal tief Luft, nach 4 Minuten weiß ich, was ich zuerst einschlagen werde und in dem Augenblick, in dem die fünf Minuten fast rum sind, höre ich jemanden hinter mir rufen:
„Pappi!!“
Ich muss nicht mal überlegen, ob die Stimme mich meint, sondern drehe mich sofort um:
„Paul!!!!“
Es ist unser erster Urlaub zu dritt. Wer es schon gelesen hat, weiß, dass ich mit meinem ersten “Westauto” gekommen bin.
Katrin gefällt das Auto:
„Für 2000 Mark ist es nicht schlecht.“
„Besser als alles, was wir bisher hatten.“
Also gebe ich Gas und fahre unser erstes Auto mal wieder richtig aus. Katrin staunt:
„Der schafft ja fast 160.“
„Ja, so macht das Reisen Spaß.“
Zumal dazu meine neue Lieblingsmusik läuft:
„Die Band heißt „Big Country“. Habe ich erst vor kurzem entdeckt.“
Katrin gefällt sie. Paul auch. Obwohl er noch mehr strahlt, als ich eine Kassette von Bruce Springsteen laufen lasse.
Mit ihm rollen wir durch Ungarn wie durch Amerika. Die Fenster auf, der Highway leer, was will ich mehr?
Was dann passiert, weiß jeder, der es schon gelesen hat, aber wir überleben und so kommen wir in Budapest an und haben sogar mehr Geld, als ich mitgebracht hatte. Und so fragt Katrin, Seite 457
„Was wollen wir denn mit so viel Geld?“
Ich zeige nur auf die vielen Geschäfte in den Straßen und sage:
„Schoppen gehen. Das wolltest du doch schon immer gerne mal in Budapest. Stimmts oder habe ich mal wieder Recht?“
Ich weiß sogar, dass sie so etwas wie eine „Lieblingsboutique“ hat. Sie befindet sich in einem elegant renovierten Hinterhof in der „Vaci-Utca“, einer kleinen Fußgängerzone, die zu den teuersten Metern Budapest gehört. Für einen Ungarn unerschwinglich.
Als wir eintreten, fühle ich mich wie in einer Boutique am Kudamm. Katrin eher wie in einem Intershop. Obwohl die vielen schönen Kleider nicht aus dem Westen kommen, wie uns die freundliche Verkäuferin erklärt. Sie sind alle von ungarischen Designern gemacht.
Katrin zieht eins nach dem anderen an. Mir gefällt sie in jedem. Immer wenn sie mich fragt, wie sie aussieht, verdrehe ich verliebt die Augen.
Am Ende der Modenschau hat sie sich für ein Kleid in Schwarz entschieden. Es liegt ihr auf der Haut als hätte sie dafür Modell gestanden. Sie dreht sich ein letztes Mal vor dem Spiegel und fragt:
„Was meinst du?“
„Wie geschaffen für eine Ballkönigin. Darin würde ich dich sogar heiraten.“
Sie lacht und sagt:
„Ich denke, du willst mich ganz in Weiß?“
„Ich meine ja nur, du siehst darin wirklich gut aus.“
Die Verkäuferin nickt zustimmend. Bleibt nur noch der Preis:
„2000 Forint.“
Katrin bekommt beinah einen Schock:
„Das sind fast 500 Mark.“
„Ost. In West nur 100.“
„Nur?“
„Wir haben es doch.“
Dann zähle ich Schein für Schein auf den Ladentisch:
„Ich glaube, das ist das Teuerste, was ich dir bisher gekauft habe.“
Katrin nickt strahlend:
„Und das Schönste.“
Sie lässt es gleich an für ein Foto mit mir
Danach sage ich:
„Jetzt fehlt nur noch mein Lippenstift. Ich glaube, der passt dazu.”
Naja, jeder der es schon gelesen hat, weiß was dann folgt, ich sage nur “Pickelstift”, Seite 458, Hier ist er:
Katrin hat ihn sich bis heute aufgehoben. Zur Erinnerung, so wie die Fotos von damals, unserem ersten Urlaub als Familie
Katrin übrigens mit der Kaltwelle, die ich Ihr ja vorher geschickt hatte. Pauli ist das aber egal, er freut sich nur, dass er endlich mit seinem Pappi spielen kann
oder Eis essen
Allerdings nur für die wenigen Tage des Treffens. Dann ist wieder Schluß mit lustig und ich bringe sie zum Flughafen..
Als wir vor dem Abfertigungsschalter der „Interflug“ ankommen, steht zum Glück eine lange Schlange. So bleiben uns noch ein paar Minuten länger von unserem ersten Urlaub zu Dritt. Ich sage:
„Am liebsten würde ich mitfliegen und das Flugzeug entführen.“
„Du hast doch nicht mal ein Taschenmesser.“
„Ich lege sie einfach alle mit Judo flach.“
„Und wer soll dann fliegen?“
„Eine ‚IL-18‘ kann doch jeder Russe fliegen.“
Wir lachen beide und spinnen noch ein bisschen weiter, bis die junge Frau vom Bodenpersonal freundlich sagt:
„Ihr Ticket bitte.“
Katrin reicht es ihr entgegen. Ich nehme Paul auf den Arm und schaue ihm direkt in seine traurigen Augen:
„Ich weiß mein Sohn. Es ist mal wieder so weit. Aber wie immer schwöre ich, eines Tages …
„…ist das Alles hoffentlich vorbei.“
Damit nimmt mir Katrin Paul vom Arm und sagt:
„Erst mal geht die ganze Scheiße wieder von vorne los.“
Ich wische ihr die Tränen aus dem Gesicht und sage wie zur Beruhigung:
„Sie geht nur weiter meine Schöne. Weiter nichts.“
Dann umarmen wir drei uns solange, bis der Flug nach Dresden zum letzten Mal ausgerufen wird. Ich sage:
„Tschüss ihr Süßen.“
Und gebe Katrin die Plastiktüte, die ich seit morgens mit mir rumtrage. Sie blickt überrascht und schaut hinein. Dann ruft sie strahlend:
„Eve!“
„Die magst du doch, oder?“
„Und Nutella.“
„Die mag Paul. Stimmts?“
Sie nicken beide fast gleichzeitig mit dem Kopf. Ich freue mich und sage:
„Geschenkt zum Abschluss unseres letzten Treffens.“
„Oh ja, das klingt gut. Ich hoffe so, du hast Recht.“
„Hoffen? Wenn ihr bis Weihnachten nicht raus seid, bin ich zu allem bereit.“
„Vielleicht hat sich inzwischen ja etwas getan.“
„Wenn nicht werde ich zum „Rambo“.“
„Und befreist uns.“
„Wie im Kino.“
Sie tippt mir lächelnd auf die Nase:
„Wir lieben Dich.“
„Das meine ich ernst. Das ewige Hoffen, Betteln und Schleimen ist mir so zu wieder, ich mache das nicht mehr lange mit Katrin. Du kennst mich, wenn….
Da unterbricht mich die Stimme der Frau am Schalter:
„Bitte, das Flugzeug startet gleich.“
„Ja, ja, wir kommen.“
Aber nicht ohne uns ein letztes Mal alle zu umarmen. Dabei sage ich noch mal voller Optimismus:
„Das nächste Mal sehen wir uns in Berlin. Ich freue mich schon.“
Dann nimmt Katrin Paul an die Hand und sie sind wieder weg.
Ich schaue ihnen noch eine Weile hinterher und verfluche mal wieder die ganze Welt.
Dann sprinte ich hoch auf die Besucherterrasse und winke solange, bis die Maschine abhebt. Erst als ich sie wirklich nicht mehr sehe, finde ich mich damit ab, dass es wieder vorbei ist mit lustig und lasse meinen Tränen freien Lauf.
Wieder in Berlin geht die Bettelei weiter. Immerhin gibt es eine Nachricht aus dem fernen Bonn, Seite 464
Noch drei Tage später weiß ich nicht, ob ich mich über die Zeilen eher freuen, oder ärgern soll. Ich meine, alles dreht sich weiter nur im Kreis und wir stehen hilflos mittendrin.
Also schreibe ich ein weiteres Mal an den Herrn Minsterpräsidenten und lasse meiner Stimmung freien Lauf, Seite 466
Danach feiere ich erst mal wieder Geburtstag…
Als ich am nächsten Mittag aufwache und mein 24. Lebensjahr beginnt, bin ich wieder ganz alleine in meiner Wohnung. Immerhin scheint die Sonne. Und es ist warm. Ein paar Jeans und ein T-Shirt reichen um den Rest des Tages draußen zu verbringen. Ich laufe am Kanal entlang und schaue auf die Mauer, die hier Berlin-Kreuzberg von Berlin-Treptow trennt. Seit dem 13. August 1961. Keine vier Tage noch, dann feiert der schwärzeste Tag in der Geschichte Deutschlands seinen 25. Geburtstag.
Ich muss gleich wieder an ein Foto denken, das an diesem Tag geschossen wurde. Es zeigt die ehrlichste Stunde der Kommunisten. Obwohl sie an diesem Tag ja den „Klassenfeind“ aufhalten wollten, stand das „Brandenburger Tor“ in ihrem Rücken. Mit den Waffen standen sie zum eigenen Volk. Seite 472
Ich denke, ich sehe das Foto am 13. August 1986 in allen Zeitungen auf Seite Eins. Aber den Meisten ist das traurige Jubiläum nicht mal eine Schlagzeile wert. Es gibt auch keine Demonstrationen, keinen Protest, niemand fordert: „25 Jahre Morden sind genug!“ Trotz der vielen Toten, erschossen auf ihrem Weg in den freien Teil Berlins, Deutschlands, der ganzen Welt. Die würde ich an diesem Tag am liebsten mal wieder in die Luft sprengen. Ganz so, wie ich es in meinem letzten Brief an Franz Josef Strauß schon angedroht habe. Immerhin bekomme ich ein paar Tage später nicht gleich einen Haftbefehl als Antwort, sondern, Seite 472
Danach bin ich mal wieder auf Arbeitssuche, sollten Katrin und Paul doch bald kommen, muss ja jemand für sie sorgen. Und so gehe kurz danach auf eine Party…
…….da fällt mein Blick auf ein Gesicht, das ich sogar persönlich kenne. Über Ecki. Als Bühnenhandwerker kannte er die ganze Theaterszene von Dresden und wenn die feierte, war ich manchmal mit dabei. So fühle ich mich gleich in alte Zeiten versetzt, als ich dem Gesicht einen Namen zuordne und sage:
„Hi Sylvester, kannst du dich noch an mich erinnern?“
Er schaut mich kurz überrascht an, dann sagt er:
„Du bist doch ein Freund von Ecki, stimmts?“
„Ja. Ich glaube, wir haben uns mal zusammen im ‚Theaterkeller’ die Kante gegeben.“
„Ich kann mich erinnern. Wir waren alle schön voll.“
Ich nicke lachend mit dem Kopf, dann frage ich ihn:
„Seit wann bist du hier und nicht mehr in Dresden?“
„Seit dem ich mich von einem Westgastspiel abgesetzt habe.“
„Und wo spielst du jetzt?“
„Hier in Berlin. An der ‚Schaubühne’.“
„Schaubühne?“
„Kennst du nicht? Die kennt doch jeder.“
Ich schüttele etwas verschämt den Kopf und sage:
„Von Theater hier habe ich keine Ahnung. Ich gehe lieber ins Kino.“
„Dann mach mal ne Ausnahme. Es lohnt sich.“
„Spielst du gerade?“
„Wir sind in den Proben für ein neues Stück. Regie Peter Stein.“
„Peter Stein?“
„Ohje, du kennst dich wirklich nicht aus.“
„Wann ist denn Premiere?“
„Ende November. Willst du kommen?“
„Warum nicht.“
Dann erzählt er mir noch, dass in der Abteilung der Bühnentechniker auch ein paar Ostler arbeiten und sagt wie nebenbei, das ich dort bestimmt gut reinpassen würde. Dabei kommt mir der Gedanke:
„Vielleicht sollte ich mich bewerben? Ich bräuchte endlich mal einen richtigen Job.“
„Warum nicht. Du kannst ja sagen, ich habe dich empfohlen.“
Damit hätte ich immerhin Sylvester Groth zum Fürsprecher, den bekannten Schauspieler am „Großen Haus“ von Dresden, der jetzt versucht, im Westen ein Star zu werden. Erfolgreicher als ich. Er hat es sogar schon an die berühmte „Schaubühne“ geschafft.
Obwohl es schon weit nach Mitternacht ist, als ich den Nachtbus zurück nach Kreuzberg nehme, denke ich immer noch an das Gespräch mit ihm. Und an den Vorsatz, 1986 irgendeinen Anfang zu finden, um endlich etwas aus mir und meinem Leben zu machen. Auf der Bühne wäre mir zwar lieber als dahinter, aber immerhin wäre das ein erster Schritt. Also schreibe ich am nächsten Tag eine Bewerbung an die Personalabteilung der „Berliner Schaubühne“.
Kurz darauf bekomme ich eine Antwort und ein Gespäch beim Personalchef. Und? Es klappt. Ich werde “Bühnenhandwerker” an der berühmten Schaubühne, Seite 473
Fehlt nur noch Katrin und Paul fürs große Glück. Jemand gibt mir den Tipp, dass der berühmte Rechtsanwalt Vogel im Westen einen Sohn hat, der sich auch um “Ausreisefälle” kümmern würde. Also bettle ich auch ihn an, Seite 477
Es dauert nicht lange und der Antwortbrief liegt im Kasten…
Auf dem Weg in meine Wohnung bete ich noch mal kräftig durch, dann setze ich mich an den Küchentisch und öffne ihn mal wieder so vorsichtig, wie eine Briefbombe, Seite 479
Darunter steht viel Unwahres, aber das schlimmste ist …
Danach merke ich, wie ich langsam anfange zu kochen. Ich meine, so viele Lügen in einem Brief hätte ich in einem Schreiben von einem Rechtsanwalt eigentlich nicht erwartet. Aber was mich wirklich explodieren lässt, ist die Sache mit dem Vater. In meiner ersten Wut nehme ich den Telefonhörer und rufe sofort in dem Büro an. Als ich Herrn Vogel am Hörer habe, merkt er nach den ersten zwei Minuten welche Laune ich gerade habe und nach fünf Minuten beendet er das Gespräch lieber.
Ich setzte mich danach sofort hin und schreibe ihm meine Meinung, Seite 479
Die Antwort kommt ein paar Tage später, Seite 480
Danach gibt es noch ganz schlechte Nachrichten in einem Brief von Katrin, und….
Danach merke ich, dass etwas in mir zerbrochen ist. Nicht mehr zu kitten. Ich lege Katrins Brief neben den von Vogel und mir ist plötzlich so etwas wie „sonnenklar“, das „Jetzt oder nie!“, etwas passieren muss. Ich meine, ich habe nie einen Zweifel daran gelassen.
*
Noch am gleichen Abend habe ich mich entschieden. Um keinerlei Verdacht zu erwecken, sage ich Katrin den nächsten Samstag am Telefon noch nichts davon. Aber weil sie so traurig klingt, mache ich wenigstens eine Andeutung:
„Bevor du völlig verzweifelst, will ich dir nur sagen, dass der Kapitän gerade die Richtung ändert.“
„Du meinst, er wird zum Rambo?“
„Sagen wir lieber zum ‚Gandhi’.“
„Willst du dich öffentlich tothungern aus Protest?“
Ich muss lachen:
„Darauf bin ich noch gar nicht gekommen.“
„Sondern?“
„Das wirst du bald sehen. Erst mal lieber psssst…“
„Warum? Ist doch jetzt sowieso schon alles egal. Außerdem: Die Stasifritzen hören bestimmt gerne, was du vorhast.“
„O. K. Also dann mal alle herhören da draußen: Ich habe es euch oft genug gesagt, das irgendwann sogar meine Geduld am Ende ist. Jetzt ist es soweit. Den Rest werdet ihr bald sehen.“
Katrin hat die ganze Zeit gelacht, jetzt sagt sie:
„Ich sollte dir schnell noch einen dicken Kuss zum Abschied geben, bevor sie…
Da knackt es auch schon wieder in der Leitung.
Das Geräusch ist mir diesmal nur ein weiterer Ansporn meinen Plan umzusetzen. Ich schreibe mir danach auf ein Blatt Papier, was ich dafür alles brauche, Seite 484
Wer es schon gelesen hat, weiß, wie meine Aktion “Große Befreiung” ausgeht. Statt in der Zeitung zu stehen liege ich plötzlich mit einem zertrümmerten Fuß im Krankenhaus und bekomme von Katrin und Paul, ein Telegramm, Seite 490
Es wird sogar noch schlimmer. Es kommt wieder Post aus München, in der steht, Seite 496
Die letzten Sätze habe ich nur noch mit zitternder Stimme gelesen, danach zittern auch meine Hände. Dann mein ganzer Körper. Sogar mein Gipsfuß zeigt Regung, als ich niedergeschlagen sage:
„Strauß war unsere letzte Hoffnung.“
Ich schaue aus dem Fenster ins Irgendwo dieser beschissenen Welt und füge noch hinzu:
„Jetzt ist alles Aus.“
Teil 3 – die Welt – bis Seite 598






















































